Von Eka v. Merveldt

Die griechische Botschaft in Bonn protestierte gegen Verleumdungen des Königshauses der Hellenen in der deutschen Öffentlichkeit. In dem letzten Griechenland-Artikel schilderte Eka v. Merveidt die Popularität des Königspaares und die Quellen des Klatsches. Der heutige Bericht schließt mit einem Besuch auf Kreta, der größten griechischen Insel und Europas Geburtsland.

Heraklion (Kreta), im Februar In Griechenland, da macht es noch Freude, sich in das Blau des Himmels zu stürzen. Wenn man auf dem Athener Flugplatz in die kleine zweimotorige Maschine geklettert ist, sieht man, daß in den Wintermonaten auch die Beamten, die Bauern und die Priester der Inseln Kreta und Rhodos gern das Flugzeug benutzen, weil ihnen das Meer zu rauh ist. Mit Schachteln, Paketen, Lampenstielen und Taschen beladen, sitzen sie in der Maschine nach Heraklion. Sie schlagen heimlich ein Kreuz, und dann bricht ein kleiner Streit aus, weil ein paar sperrige Gegenstände nicht zu verstauen sind. Ein schwarzer Hitzkopf schimpft: "Erst wenn Onassis die TAE übernommen haben wird, wird hier Ordnung einziehen."

Während des Fluges winkt die Stewardeß den einen oder anderen Passagier heran: der darf dann die Piloten vorn in der Kanzel besuchen. Der Fremde stutzt. Er hat die Piloten beim Einsteigen gesehen: verwegene, glutäugige Gesellen. Aber keine Sorge! Sie stammten schließlich von Dädalus und Ikarus ab und sind also seit mindestens 4000 Jahren Flieger!

Wir hüpften von Insel zu Insel über der Ägäis, und immer war ein neues Eiland in Aussicht, wenn wir das letzte überflogen: von Kea nach Kynthos, Syphnos und Milos und viele dazwischen. Die Inseln schwammen im Licht, sie schwebten darin, manche hatten eine Aureole von weißem Gischt und viele einen türkishellen Kranz im tiefblauen Meer.

Geheimnisse an der Wiege des Zeus

Kreta ist die größte der griechischen Inseln, und mein Freund Dimis, der Politiker, neben dem ich saß, dozierte: Sie ist gleich weit von Europa, Asien und Afrika entfernt und vereint europäische Ratio, afrikanische Kraft, asiatische Mysterien. Er war auch noch nie auf Kreta gewesen, und nun begleitete er seine Frau Bou und mich, um endlich "nachzusehen, wo wir her sind". Denn Kreta, einst der Geburtsort des obersten Gottes Zeus, bedeutet ihm die Wiege Europas und Inspiration der hellenischen Welt. Von den Dorern aber spricht er in unserer englisch geführten Unterhaltung als den germans, den Barbaren und Eroberern aus dem Norden, die nur weiterentwickelten und organisierten, was 2000 Jahre und mehr v. Chi. in Knossos und Phaestos und den hundert Städten Homers zu gleicher Zeit wie in Ägypten und Kleinasien an menschlicher Kultur und menschlichem Denken begonnen hat. Noch birgt Kreta viele Geheimnisse; noch ist die gefundene Schrift nicht entziffert, aber wenn man auf der Akropolis in Athen gestanden hat, und den Gipfelpunkt der Leistungen eines ganzen Volkes, die nie wieder erreicht wurden, in den Spuren bewundert hat, fiebert man dem Augenblick entgegen, in Kreta zu landen und die ersten unfaßbaren Zeugnisse menschlichen Geistes auf europäischem Boden zu sehen. In Kreta, wo "die Erde dem Himmel näher ist".