H. G., Hamburg

Die Chefredakteure der Hamburger Zeitungen fanden dieser Tage einen Brief auf ihrem Schreibtisch, von dem man nicht nur annehmen darf, daß die darin ausgesprochene Bitte befolgt wurde, sondern von dem man auch hoffen möchte, daß er als Musterfall eines vernünftigen "Umgangs mit der Presse" auch für die Zukunft exemplarische Bedeutung erhält.

Abgeschickt wurde dieser Brief sozusagen vom Staat, nämlich von der Pressestelle des Hamburger Senats, die sich jedoch ihrerseits nur zum Dolmetsch der Hamburger Jugendbehörde gemacht hatte.

Um folgendes ging es: Als dieser Appell an die Presse geschrieben wurde, stand ein Termin vor dem Hamburger Schwurgericht unmittelbar bevor, auf dem gegen einen Mann verhandelt werden sollte, der seine Frau umgebracht hatte. Ein Fall, von dem die Presse sicher berichten, ein Fall auch, bei dem wohl der Name dieses Ehepaares erwähnt werden würde.

Aber gerade das wollte die Jugendbehörde verhindern, denn das Kind dieser Eltern weiß nicht, auf welche Art seine Mutter ums Leben gekommen ist. Es besucht eine Schule, in der es ein ganz normales Kind unter anderen Kindern sein darf. So wäre es, schreibt die Pressestelle, "für das ganze Leben des Kindes eine schwere Belastung, wenn ihm jetzt von Lesern des Prozeßberichts in liebloser Weise mitgeteilt würde: ‚Du bist das Kind eines Mörders." Deshalb die Bitte an alle Redaktionen, in den Berichten weder den Familiennamen noch die näheren Umstände zu erwähnen.

Publizität, von vielen gesucht und von vielen, wohlweislich, gescheut, kann eine gute Sache sein. Sie kann auch große Gefahren bergen. Es sind allerdings die Fälle, wo Gefahr droht, viel seltener, als eine um ihre "Amtsgeheimnisse" besorgte Bürokratie wahrhaben möchte. Und so stehen hinter dem großen Gezeter über die sensationslüsterne Presse, das immer dann angestimmt wird, wenn wirklich einmal ein Kind in den Brunnen gefallen ist, zuweilen eigennützige und nicht immer ehrliche Motive.

Uneigennützig jedoch, ehrlich und deswegen wirkungsvoll ist das Vorgehen der Hamburger Senatspressestelle. Sie hat einen besonderen Fall herausgegriffen, ihn vernünftig und einleuchtend dargestellt und die Entscheidung dann den Zeitungen überlassen. Wir vermögen uns nicht vorzustellen, daß sich ein einziger von denen, die am Hahn der "publicity" sitzen, daß sich ein einziger Journalist in einem solchen Fall gegen die Vernunft, gegen das Verantwortungsgefühl und für die Sensation ’entscheiden könnte.