er., Bremen

Ewar ein Wetter wie am Totensonntag. Dichte, feuchte Nebelschwaden zogen von der Weser herauf und versuchten, die leeren Fensterhöhlen der Bauernhäuser in Mittelsbüren zu verdecken. Fast feindselig schienen die von ihren Bewohnern verlassenen Gebäude des Dorfes am Ufer der Unterweser dazustehen und darauf zu warten, daß über sie endgültig das Todesurteil gesprochen werde.

Das Richterkollegium, das sich zu diesem Zweck einfand und sich in langer Kolonne über den Weserdeich von Bremen heranschob, zählte tausend Köpfe. Sein Urteil stand von vornherein fest: Mittelsbüren wird nach tausendjähriger Existenz versteigert und abgebrochen, um einem großen Stahlwerk zu weichen. Innerhalb von vier Wochen müssen die fünfzig Gebäude – die Bauernhäuser, Schuppen und Scheunen –, sowie die Zäune und die Obstbäume verschwunden sein. So sieht es die Versteigerungsordnung vor, die für diese wohl einmalige Auktion angefertigt wurde.

Im Auftrage der Stadt Bremen – die den ehemaligen Besitzern der Häuser und Höfe schon Entschädigungen gezahlt hat, die in die Millionen gehen – wurden die letzten irdischen Reste des Dorfes zum Ausschlachten an Interessenten verkauft. Diese waren tatendurstig und eilfertig erschienen, als sei in Mittelsbüren Gold gefunden worden. In seiner ganzen Geschichte war das Dorf nie Objekt solch konzentrierter Aufmerksamkeit gewesen. Doch steigerte das seinen Wert nicht. Für wenige hundert Mark wurden die Bauernhäuser weggegeben. Nur Fachwerkhäuser kletterten höher im Preis. Für sie interessierten sich die Bauern aus dem Teufelsmoor. Denn sie glauben, Fachwerkhäuser auf ihrem feuchten Boden einfacher wieder aufbauen zu können. Ein ganzer Hof – das Wohnhaus ausgenommen – erbrachte der Bremer Staatskasse 800 Mark, abzüglich fünf Prozent, die der geschäftstüchtige Auktionator für seine Idee und Arbeit kassierte. Denn die Stadt hatte ursprünglich geplant, selber die Häuser einreißen zu lassen, also für den Abbruch auch noch zu bezahlen. Jetzt übernehmen das für sie die Bauern, die neue Scheunen, die Jäger, die ein Jagdhaus, die Kleingärtner, die eine Laube suchen.

Den höchsten Preis zahlte ein junger Bauer aus Mittelsbüren selbst. Er erwarb das eigene Haus – von der Stadt Bremen schon mit guter Entschädigung bedacht – für 3900 Mark zurück. Das zum zweitenmal erworbene eigene Haus soll nun in neuem Glanz in einem niedersächsischen Ort wiedererstehen.