Paris, im Februar

Das Unwahrscheinliche ist Tatsache geworden: das Blättchen hat sich gewendet... von Modediktatur ist keine Spur mehr vorhanden. Über "kurz oder lang" wird nicht mehr diskutiert, der Rock gestattet geduldig alle Längen – von der Kniekehle (ausgerechnet bei dem exklusiven Balanciaga!) bis zum Knöchel. Eingeschnürte Taillen und "unterdrückte" Büsten sind über Nacht zu Atavismen geworden, Fischbeineinlagen und versteifte oder Unterkleider auf Draht gehören einem barbarischen Zeitalter an. Zwanglosigkeit ist das Gebot der Stunde.

Wie schon so häufig, war es wieder einmal Christian Dior, das fünfzigjährige Wunderkind, der mit Hintansetzung seines gut assortierten Ideenvorrats dieses Mal alle Schranken fallen ließ und kurz und bündig erklärte: "...für die kommende Saison wählte die Mode mit Absicht die Freiheit der Linie. Freiheit für die Taille, um die sich lässig ein Gürtel windet oder auf der ein weicher Stoff mit leichter Hand drapiert ist... Freiheit für die Röcke, die von üppig weit bis eng jedes Volumen annehmen dürfen... mit Ausnahme der plissierten, die sich schmal der anatomischen Kontur anlegen; Freiheit für die Länge von Kleidern und Röcken, bei denen die Stunde des Tages oder Abends, der Stil des Modells – ballonartig weit oder röhreneng – und – die Hüften der Trägerin ausschlaggebend sind ... Freiheit auch für das Dekolleté, das meist den Halsansatz und oft auch einen Teil der Schulter enthüllen darf. Kein Wunder, daß sich dazu auch die "Freiheit" für den Hut gesellt, der weniger symmetrisch als bisher zwischen vielen Stilen schwankt und häufig als Phantasie-Südwester bis tief in den Nacken herabgezogen wird ...

Natürlich serviert Dior auch ein besonders gelungenes typisches Tages- und Laufkleid, la Vareuse: es ist ein leichtbeschwingtes, durchgeknöpftes Matrosenblusenjäckchen, das – ergänzt durch einen schlanken Rock – von Dior als eine Art von Kostümersatz bezeichnet wird. Die "Vareuse" ist weich und locker gearbeitet, deutet die Taille fast unmerklich an und findet ihren Ruhepunkt gerade oberhalb der Hüfte. Der Ausschnitt ist großzügig nach beiden Seiten vom Hals abstehend gelegt, und als kleinen Fühler in die Zukunft kann man den raffinierten Ärmel betrachten, der viereckig mit Quernaht eingesetzt ist und diesem scheinbar anspruchslosen Jumperkleid jenes Minimum von Aplomb gibt, ohne den man den Haute-Couture-Stempel vermissen würde.

Christian Dior hat – wie die meisten seiner anerkannten Kollegen – sein Mäntelchen nach vielen Winden gehängt. Aber ob es sich um die stoffreichen, gegürtelten Buschjacken, die geraden sackähnlichen geschlitzten Etuikleider mit indochinesischer Note, die naiven Matrosenjacken, die kurzen Party- und Dinnertoiletten mit rückwärtiger Bahnenschleppe oder um siebenachtel lange Mäntel handelt – die Grundmelodie ist und bleibt die unbekümmerte Lässigkeit, die alles, was eng und wie auf den Körper gegossen sitzt, als Erinnerung an eine verflossene Ära erscheinen läßt. Dem gleichen Zuge zur Unbeschwertheit folgen auch die anderen Couturiers.

Das Verführerische an diesen "freiheitlichen" Tendenzen ist, daß alles zarter und schwerelos, wie hingehaucht, aussieht. Aber bei allen offiziell angekündigten Freiheiten wird der gefährlich naheliegenden Saloppheit doch ein Riegel vorgeschoben: es ist ein kleines Sicherheitsventil, das man nur ahnen kann, wenn man diese flatternden, lässig drapierten Chiffon- und Leichtgewichts-Tweed-Gebilde zum erstenmal betrachtet, das aber eine schwer zu nehmende Hürde wird, wenn sich die praktische Hausfrau oder Hausschneiderin an das Kopieren eines dieser lockeren, so ganz unprätentiös wirkenden Sommermodellchen heranmacht. Die Freiheit, die Dior meint, ist nicht etwa naturgegeben: sie ist die durch alte, handwerkliche Tradition in die höchste Potenz erhobene, kunstlos scheinende Natürlichkeit.

Auch die neuen Kollektionen der Pariser Hau:e Couture haben gezeigt, daß auf dem rechten Seineufer nicht nur einfallsreiche Modelle entworfen werden, sondern daß sich hier auch mehr Menschen mit der Formulierung modephilosophischer Theorien befassen, als irgendwo auf der Welt, daß Mode, Eleganz, Allüre und Orginalität der Erscheinung ebenso zum täglichen Leben gehören wie eine gepflegte Küche und eine gute Flasche Wein.