RH, Hamburg

Im Vorort Othmarschen an der Elbe, nicht weit von der Stelle, wo Onkel Salomon Heine einst sein Landhaus hatte, stellte das Europa-Kolleg letzte Woche, am Todestage des Dichters, eine Statuette auf. Sie ist dem Kolleg vom Hamburger Senat geschenkt worden.

Die Statuette – etwa achtzig Zentimeter hoch – zeigt Heinrich Heine so, wie ihn viele Hamburger noch kennen: aufrecht stehend, jung, schmal – die Linke sinnend ans Kinn gelegt. Sie wurde nach einer Gipsskizze gegossen, die der Bildhauer Lederer bei der Vorarbeit für sein Heinedenkmal geformt hat, das früher im Stadtpark stand und 1933 entfernt wurde.

Lederer, der mit seinem Kolossalstandbild am Hafen Bismarck den Hamburgern auf die Formel des Eisernen Kanzlers (aus Stein) gebracht hat, zeigte auch Heine betont von einer Seite seines Wesens. Der sinnende Dichter, der dort in Bronze im Grünen des Stadtparks stand, sann vorwiegend lyrische Dichtung. Welche Hamburger Hausfrau, welches Kindermädchen – sofern ihnen bewußt war, daß dieses Lied nicht einfach wild am Rhein gewachsen ist –, welcher Vorübergehende konnte das Denkmal sehen, ohne zu denken oder gar vor sich hinzusummen "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten". Das war sicher schon Äußerung von mehr Gefühl und Stimmung, als Heine den Hamburgern zutraute, die er als Krämerseelen mit zahlungsfähiger Moral und Schellfischseelenduft bezeichnet hat.

Was es bedeutete, daß das Denkmal verschwand, das hingegen wußte man ganz genau. Desgleichen wußte man, was mit dem zweiten Hamburger Heinedenkmal, dem von Hasselriis, passiert war. Es stellte den alternden Dichter gebeugt sitzend dar. Kaiserin Elisabeth von Österreich hatte es auf Korfu errichten lassen, von wo es Kaiser Wilhelm II. entfernen ließ, als er das Achilleion erwarb. Denn Heine hatte sich über die Hohenzollern nicht freundlicher geäußert als über die Hamburger. Ein Hamburger aber, Erbe des Heine-Verlegers Campe, kaufte es und bot es dem Senat an. Der Senat lehnte ab, es zu erwerben, angeblich weil er "ein gebrauchtes Denkmal" nicht haben wollte. Der Campe-Erbe stellte es daraufhin – öffentlich am Barkhof – auf privatem Grundstück auf. Da stand es an der Mönckebergstraße, bis es 1927 – von "Avantgardisten" offenbar – mit roter Farbe und Teer beschmiert wurde. Man umgab es mit einem Lattenzaun. Der damalige Altonaer Bürgermeister Max Brauer ließ es dann in einen verschließbaren Pavillon nach Donners Park an der Elbe bringen. Von dort emigrierte es, wie Heine selbst, nach Frankreich. Eben vor Kriegsanfang brachte es eine geborene Campe, die dorthin heiratete, nach Toulon.

So war also das zweite und letzte Heinedenkmal aus Hamburg verschwunden. Und nun machen sich die Hamburger – denen die jetzt aufgestellte Statuette nicht genügt – Gedanken, welcher Bildhauer wohl ein Heinedenkmal schaffen könnte. Heine selbst war bekanntlich der Meinung, daß er hier schon zu seinen Lebzeiten ein "Monument aus Stein" bekommen habe, nämlich das prächtige Haus, das sein Verleger sich aus dem Gelde erbaute, das er mit dem Buch der Lieder verdient hatte. Aber auch dieses Monument ist nicht mehr vorhanden. Immerhin – zweiLorbeerkränze haben die Hamburger dem Dichter inzwischen doch geflochten: an der Fassade und im Windfang eines schönen klassizistischen Hauses an der Esplanade befinden sich eine lorbeerumkränzte Gedenktafel und ein Relief, Heines Kopf imProfil darstellend. "Dem Dichter, dem Kämpfer, dem Mahner. In diesem Hause weilte Heinrich Heine häufig bei seiner SchwesterCharlotte Embden." Der Lorbeer, der das Relief umkränzt, ist verstaubt, die Inschrift jedoch lesbar. Deutlicher zwar springen dem Besucher die erheblich größeren Buchstaben neben dem Relief ins Auge: "Das Einstellen von Motor- und Fahrrädern ist verboten, die Hausverwaltung" und klarer ist auch zu lesen, wer hier "reinigungsverpflichtet" ist. Wer immer es sein mag, hier ist es reinlich, und daß der Lorbeer verstaubt ist, wird die Besucher der Krawattenfabrik im Parterre nicht stören.

Wie schade, daß des Dichters eigene Firma so schnell zugrunde gehen mußte! Wie reizvoll, zumal für Hamburger Kaufmannsaugen, wäre es, wenn statt der erwähnten Inschrift zu lesen wäre: "Harry Heine & Co., Kommissionsfirma in englischen Manufakturwaren. Gegründet 1818."

Aber leider – diese Firma wurde nur ein Jahr alt; und die Hamburger müssen auf ein so lebendiges Denkmal an der schönen Wiege seiner Leiden, wie Heine Hamburg nannte, verzichten. Fragt sich, ob jetzt ein neues Denkmal oder eine kritischhistorische Gesamtausgabe seiner Werke besser geeignet wäre, die Erinnerung an den Dichter davor zu bewahren, zu erlöschen wie die Firma "Harry Heine & Co.".