Von Gräfin Marion Dönhoff

New Delhi, Ende Februar

Es sind genau drei Jahre vergangen, seit ich zuletzt in New Delhi war. Drei Jahre, in denen sich hier viel verändert hat. Schon die Wohnungen meiner Freunde schienen verändert. Und in der Tat: Die Anzahl der Leute, die sich ein anspruchsvolleres Heim leisten können, wächst ständig. Man sieht auch mehr Fahrräder in der Stadt – die erste Stufe ökonomischen Fortschritts der minderbemittelten Klasse. Vor allem aber dieses: Die Menschen sind selbstsicherer geworden, nicht mehr so empfindlich und verletzbar. Man kann Fragen stellen, ohne sogleich auf den Argwohn zu stoßen, man wolle Kritik üben oder man dünke sich überlegen.

Erstaunlich schnell geht in Indien die Periode des Ressentiments, der Reaktion auf jahrzehntelange Abhängigkeit, auf Bevormundung und Kolonialismus, vorüber. Hohe indische Beamte gehen noch heute, wenn es der Regierung zweckmäßig erscheint, nach England zu Kursen oder Sonderlehrgängen. Man kann das alles nur mit rückhaltloser Bewunderung registrieren – Bewunderung für die Engländer, weil sie es, im Gegensatz zu anderen ehemaligen Kolonialherren, fertig gebracht haben, ein so . festes und dauerhaftes Band der Gemeinsamkeit zu knüpfen; Bewunderung für die Inder, weil sie so geduldig gewartet haben, obgleich sie, wie man jetzt sieht, sicherlich längst in der Lage waren, sich und ihr riesiges Reich selbst zu regieren.

Noch etwas anderes ist in der Zwischenzeit deutlicher geworden, nämlich der allgemeine Kurs, der in den ersten Jahren oft etwas verschwommen oder gar zweideutig erschien; und dies gilt sowohl für den politischen wie den wirtschaftlichen Kurs. Politisch heißt die alte Devise nach wie vor: nonalignement, Bündnislosigkeit. Aber dabei macht Indien kein Hehl daraus (vor allem nicht seit den Vorgängen in Ungarn), daß diese Neutralität politischen Bündnissen gegenüber keineswegs gleichbedeutend ist mit weltanschaulicher Neutralität. Der Indian way of life ist gegründet auf freie individuelle Meinungsäußerung und darum auf politische Demokratie. Deshalb schickt Indien seine intellektuelle Elite nach Europa und Amerika – allein in England studieren 4000 junge Inder, in China oder dem russischen Bereich sind es zusammengenommen noch keine 50-Die großen indischen Zeitungen, deren Niveau ganz hervoragend ist, unterhalten Korrespondenten in London, Washington und Paris – in Moskau oder Peking ist nicht ein einziger indischer Korrespondent akkreditiert.

Wirtschaftlich heißt die Devise: Sozialismus, seit T. T. Krishnamachari, der damalige Wirtschaftsminister, der heute Finanzminister ist, im Dezember 1954 zum Abschluß der wirtschaftspolitischen Debatte eine Entschließung einbrachte,. die das Parlament annahm und die lautete: "Das Ziel der Wirtschaftspolitik soll eine sozialistische Gesellschaftsordnung sein." Zuweilen wird auch vom sozialen Wohlfahrtsstaat gesprochen; ein Wort, das angesichts des niedrigen indischen Lebensstandards für europäische Vorstellungen fast wie ein Hohn klingt. Erst nachdem ich mit vielen kleinen Angestellten in den verschiedensten Orten und mit Bauern auf dem Lande gesprochen hatte, die ganz erfüllt davon waren, daß nun endlich etwas auch für sie geschieht, "for the good of the common man", wie sie sagten, zum Besten des einfachen Mannes (Schulen auf dem Lande, Bewässerung, verbilligte Kredite), wurde mir verständlich, was der Slogan sozialistischer Wohlfahrtsstaat in Indien bedeutet oder besser bezweckt.

Ministerpräsident Nehru sagte, als er auf diese Frage angesprochen wurde: "Sehen Sie, in Indien gab es sehr wenige übermäßig Reiche und sehr viele unmäßig Arme. Socialistic pattern of society heißt also, den Reichen nicht die Gelegenheit geben, noch mehr Reichtümer zu sammeln, sondern heißt den Armen zu helfen, damit sich ihre Lage bessert. Und das kann in Indien nur erreicht werden, wenn der Staat dies zu seinem Programm macht." Man müßte hinzufügen: Denn es gibt hier im allgemeinen (mit Ausnahme des beispielhaften TATA-Konzerns) keinen im europäischen-Sinne Verantwortung empfindenden Unternehmerstand.