Einer der sichersten Tricks, um in Österreich Erfolg zu haben, sei der Tod – so behauptete kürzlich Friedrich Torberg, als er am Lesepult des Akademietheaters stand, um in einer Matinee dem Publikum das Lebenswerk Fritz von Herzmanovsky-Orlandos zu präsentieren, dessen "Kaiser Joseph und dieBahnwärterstocher" er für dieBühne bearbeitet hatte. Tatsächlich: wenn man nicht genau wüßte, daß es diesen schrulligen Kauz Herzmanovsky, diesen skurrilen Meister abgründiger Grotesken wirklich gegeben hat, könnte man meinen, er selbst habe dieses Leben erfunden.

Einen kurzen Augenblick lang war man auf diesen genialen Satiriker aufmerksam geworden, als Ende der zwanziger Jahre sein Roman "Der Gaulschreck im Rosennetz" erschien. Ein Kreis von Feinschmeckern verschlang das Buch, gewöhnte sich den Herzmanovsky-Jargon an und redete immer noch vom Hoftrommeldepot und den Oberhoflöschhornputzern, als das Buch längst im Untergrund des Antiquitätenhandels verschollen war.

Als er 1954 in Meran starb, war es noch immer nicht gelungen, die literarischen Schätze, mit denen er indessen seine Schreibtischlade gefüllt hatte, zu publizieren. Ein großer Meister der Architektonik und Komposition ist Herzmanovsky nie gewesen. Seine Brillanz liegt vielmehr in seinem schneidenden Witz, in dem satirischen Tiefenblick, mit dem er hinter den Barockschnörkeln von Alt-Österreich das Abgründige, ja Makabre aufspürte. Man hat ihn neuerdings – seit eine Herzmanovsky-Renaissance einzusetzen scheint – einen ins Groteske umgekippten Kafka genannt, ihn mit Jean Paul verglichen, Parallelen zu Raimund und Nestroy gezogen; eher aber mag man ihn den literarischen Kubin nennen.

Sein Stück "Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter", das nun in der Torbergschen Kurzfassung endlich das Rampenlicht erblickte, erlebte jetzt – drei Jahre nach Herzmanovskys Tod – sogar ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der Filialbühne des Burgtheaters und den Münchner Kammerspielen. Das ist eine Welt voller Zuckerbäckerschnörkel, jodelnder Bahnwärterstöchter und grotesker Hofschranzen! Der alte Fabulierer Herzmanovsky stellt in dieser Parodie auf fromme patriotische Legenden die Behauptung auf, die Österreicher hätten schon unter Kaiser Joseph die Eisenbahn erfunden, aber den Ruhm später den Engländern überlassen, weil man am dortigen Hofe einem gewissen Stevenson eine Gunst erweisen wollte.

Die österreichischen Barocklokomotiven aber trudeln – mit verschnörkelten Wagen versehen und mit Tannenzapfen beheizt – durch die steirischen Alpen. Da haust der Bahnwärter Zwölfaxinger, der diesen Posten in des Kaisers Dienst nur angenommen hat, damit er immer genug Ruß besitze, um sich das Gesicht zu schwärzen, wenn er wieder einmal wildern geht. Da gibt es das brave Nozerl, das indessen an seiner Statt amtshandelt und dabei einem hohen Reisenden begegnet, der – Seinen Namen sollt ihr nie erfahren! – kein Geringerer als der sich unerkannt unters Volk mischende Kaiser Joseph ist. Da gibt es behördlich konzessionierte Zugankunftswahrsagerinnen und einen Dackel als Zugmeldehund, der die Lokomotiven verbellt.

Die Lektüre des Personenverzeichnisses allein bereitet schon hohes Vergnügen. Es ist streng ständisch aufgebaut, beginnt mit den "Allerhöchsten Herrschaften", und endet bei der Rubrik "Aus dem Abschaum", in der Rinaldo Rinaldini figuriert, der ein (von der braven Nozerl verhindertes) Attentat auf den Kaiser versucht, und das zwei Seiten lange Personenverzeichnis endet schließlich mit der Abteilung "Aus dem Reich der Täuschungen", in der neben einem k. k. Doppeladler auch der erwähnte Dackel und einige Gemsen eingestuft werden.

Einen solchen dramaturgischen Amtsschematismus kann sich wahrscheinlich nur das Burgtheater leisten. Leopold Lindtberg inszenierte den abgründigen Faschingsscherz mit turbulenter Laune. Die weißgoldene Lokomotive "Schönbrunn" mit ihrem Barockrauchfang und dem kaiserlichen Federnschmuck erweckte allein schon Entzücken und wurde mit Szenenapplaus bedacht. Inge Konradi war ein Nozerl, so kreuzbrav und patriotisch, als wäre sie frisch einem k. k. Volksschullesebuch entsprungen. Dazu der köstliche Kaiser Joseph, den Josef Meinrad mit entzückend hoheitsvollem Nimbus ausstaffierte. Wenn es auch nur ein kurzer Blick in Herzmanovskys schwarzgelbes Raritätenkabinett war, scheint doch damit endlich der Weg für die Wiederentdeckung dieses verschollenen Meisters der Groteske geebnet. Otto F. Beer