Es gilt als realpolitisch, um nicht zu sagen als schick, die amerikanische Nahostpolitik als ein Abwägen von Ölinteressen, also proarabischen Momenten, gegen jüdische Wählerstimmen und pressure groups, also proisraelische Momente, zu deuten. Wahrscheinlich ist eine solche Deutung nicht in jedem Fall abwegig. Aber auf keinen Fall reicht sie aus, die Haltung des amerikanischen Präsidenten zu erklären oder gar die Tatsache, daß verantwortliche Politiker in aller Welt hoffen, Eisenhower, der nun ein alter, weiser Mann geworden und durch wahltaktische Erwägungen kaum mehr gebunden ist, möge sich auch diesmal durchsetzen.

Präsident Eisenhower hat sich zum Fürsprecher der Ansicht gemacht, die eigentlich in der ganzen Welt außerhalb Frankreichs, Großbritanniens und Israels vorherrscht: daß berechtigte israelische Ansprüche auf Sicherheit und Frieden nicht durch Druckmittel erzwungen werden dürfen, die sich die Israelis als Ergebnis der Unsicherheit und des Krieges angeeignet haben. Was immer geschieht und was immer hoffentlich auch zur Unterstützung Israels geschehen wird – vorher müssen israelische Truppen die Stützpunkte am Golf von Akaba und im Küstenstreifen von Gaza räumen, die sie mit Waffengewalt erobert haben. Warum? Warum sollten die Vereinten Nationen mit Unterstützung der Vereinigten Staaten einen so starken Druck gerade auf Israel ausüben, während Indien sich Kaschmir einverleiben, Ägypten den Suezkanal sperren und die Sowjetunion ungestraft eine ungarische Freiheitsbewegungniederknüppeln darf? Mit dieser Frage konterte Eisenhowers mächtiger Gegenspieler in der Republikanischen Partei, Senator Knowland, das Verlangen des Präsidenten, den Vereinten Nationen jede Unterstützung zu gewähren, um Israel zur Freigabe der eroberten Gebiete zu zwingen. Französische und englische Zeitungen waren Knowland dankbar für dies Argument, das freilich nicht ganz neu ist.

Nicht mehr ganz neu ist auch die Antwort darauf: Weil die Vereinten Nationen nicht, noch nicht, überall dort eingreifen können, wo Haß, Habgier, Hunger, wo politische Leidenschaften aller Art die Welt erschüttern. Dafür reichen ihre Kräfte einfach noch nicht aus. Vorwürfe deswegen nehmen sich bei all denjenigen besonders seltsam aus, die so viel zur Schwächung der Vereinten Nationen beigetragen haben.

Wenn aber die Vereinten Nationen gegen die Sowjetunion, gegen Indien, gegen Ägypten keine drastischen Maßnahmen ergreifen können oder wollen – warum dann ausgerechnet gegen Israel? Weil – so lautet die Antwort – es sich bei Israel um die Verurteilung eines Krieges handelt, und weil die Vereinten Nationen, in letzter Zeit mächtig unterstützt von den USA, völlig richtigerweise ihre bisher noch unzureichenden Kräfte darauf konzentriert haben, alles zu tun, um jenen dritten Weltkrieg zu verhindern, der in unserer Vorstellung schon so apokalyptische Formen angenommen hat, daß die realen Wirkungen gar nicht mehr immer bewußt werden. Manche glauben auch, noch einmal davonzukommen. Wahrscheinlicher ist, daß ein dritter Weltkrieg das Ende des Suezkanals bedeuten würde und das Ende des Kaschmirkonfliktes, das wirkliche Ende der ungarischen Freiheitsbestrebungen und das Ende unserer Existenz.

Bei den Sachverständigen herrscht schöne Einmütigkeit darüber, daß es zwar "lokale Konflikte" weiterhin geben wird, daß aber jeder wirkliche Krieg sich zu einem globalen Krieg ausweiten kann. Wie nahe wir einem solchen globalen Krieg waren, als Engländer, Franzosen und Israelis in Ägypten einrückten, weiß noch niemand zu sagen. Nach allem, was seither bekanntgeworden ist: ein gutes Stück näher, als die meisten von uns damals dachten.

Und wo fängt ein Konflikt an, in diesem weitbedrohenden Sinne "Krieg" zu werden? Bei der Bestimmung ist weder die Terminologie der Strategen das Entscheidende, noch sind es die historischen Überlegungen der Staatsrechtler. Es kommt nicht einmal in erster Linie darauf an, ob eine solche Begriffsbestimmung "gerecht" genannt wird. Es mag schon sein, daß es Übergriffe gibt, die "schlimmer" erscheinen und dennoch nicht als "Krieg" zu bezeichnen wären. Denn das Wichtigste, das einzig Entscheidende ist: die Definition des Begriffes "Krieg" muß wirksam, muß so sein, daß jeder Laie zu unterscheiden vermag: das ist einer – das ist keiner. Dann, und nur dann kann man hoffen, daß eine im allgemeinen kriegsmüde Welt sich spontan gegen den Angreifer kehrt.

Es gibt nur eine Definition, die diesen Zweck erfüllt. Sie müßte etwa so lauten: