Pirandellos Humoresken erschienen

Arm wie eine Kirchenmaus war er, aber Nobelpreisträger und Mitglied der Italienischen Akademie: Luigi Pirandello Kein Wunder, daß er Pessimist wurde; glaubte er doch, durch die Gesichter der Menschen gleich bis in die Wurzel ihrer Triebkräfte hindurchzusehen und zu wissen, daß sie alle, von der Jungfer bis zum Greis, Masken tragen. Diese Masken lächerlich zu machen und im selben Maße gegen das Wesen der zweibeinigen Geschöpfe zu opponieren, gelang ihm durch Ironie und Phantasie. Oft schuf er, zum Beispiel in seinen Erzählungen, groteske Situationen, jedoch nicht zum Ergötzen, sondern vielmehr zum Nachdenken. So lesen wir jetzt von

Luigi Pirandello: "Humoresken und Satiren." Drei Brücken Vlg., Heidelberg; 270 S., 12,80 DM.

Man spürt das Vorbild, die Sammlung alter italienischer Novellen, aus der schon Shakespeare nach Herzenslust zum besten des Theaters profitierte. Aber welch ein Unterschied zwischen der strengen Form einer klassischen Schilderung, deren letzter Meister bei uns Kleist gewesen sein dürfte, und der modernen Spaßvogelei mit ernstem Hintergrund, die auf. Pointen verzichtet, weil ja das ganze menschliche Leben eine Reihe von Pointen ist. Da heiratet ein gutmütiger Zwerg eine naive Riesin und merkt seinen Fehler erst, als er Vater wird, da erkennt ein ungetreuer Ehemann an seinem Hunde, welch Hahnrei er ist, da wird der armselige Bruno Celesia in einer Gewitternacht zum Helden und rettet aus Seenot – den Liebhaber seiner Frau. Oft glaubt man, das Panorama Boccaccios vor sich zu haben. Welch Einfall, von einer schlafkranken Frau zu erzählen, die um ein Haar lebendig beerdigt wird und sich nach ihrer Rettung so sehr vor dem Schlafen fürchtet, daß sie fortan überhaupt keine Nachtruhe mehr findet. Man bezeichnete einst Pirandello, vor allem im Hinblick auf seine Dramen, als blendenden Kompositeur und Puppenspieler. In seinen Humoresken ist er nur – und gerade deshalb großartig – ein Bajazzo, mit all seinen Späßen in das Leben verliebt, und doch an seinem Schmerz leidend, abgewiesen zu sein. Abgewiesen ist er als Intellektueller – schon durch den späten Erfolg –, als Betrachtender, leidenschaftslos in den kleinen Süchten und leidenschaftlich in der großen Sehnsucht. Und so wirkt auch seihe Schlichtheit der Sprache nicht volkstümlich, sondern gewollt vereinfacht durch die wohlklingende Schule der Tradition, enttäuschend für literarische Feinschmecker, die eine bannende Verdichtung oder ein psychologisches Kribbeln suchen. Es ist eben nur ein Teil der menschlichen Tragikomödie, der karikierte Alltag Italiens, ohne schmückendes Beiwerk, ohne Sensationen, ohne Spannung, aber mit jener unvergleichlichen Heiterkeit, die durch ein Tröpfchen Trauer erst gehaltvoll wird, eben ein Teil der Literatur, die schon Geschichte geworden ist. Man spürt belustigt zugleich den Sinn des groben Scherzes: daß der Mensch seine Schwächen auch noch liebt, wenn sie ihm bei anderen verächtlich erscheinen. Und mehr braucht es nicht, will man aus einem Buch gewinnen. Ingolf Jungclaus