Wien, im Februar

Seit 1945 wird Österreich von einer Koalition zwischen Volkspartei und Sozialisten regiert. Abgesehen von der winzigen Kommunistischen Partei gibt es im Parlament nur noch die Gruppe der früheren Nationalen, die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ.) vormals Verband der Unabhängigen (VdU.). Sie konnte es einmal auf 16 Mandate bringen, jetzt sind in dem säulengeschmückten Haus an der Ringstraße nur mehr eine Handvoll Männer um diese Standarte geschart, die allerdings in dem Abgeordneten Graedler über eine ungewöhnliche politische Begabung verfügen. Da österreichische Volkspartei (ÖVP.) und Sozialistische Partei Österreichs (SPÖ.) zwei Riesen mit beinahe gleichen Kräften sind, ist die FPÖ. politisch nie uninteressant gewesen. Als Raab den jetzigen Außenminister als Regierungschef ablöste, wollten starke ÖVP.-Kreise die VdU. in die Regierung nehmen (was nicht zuletzt am Widerstand Körners scheiterte). Geworden ist aus all dem nie etwas.

Das Führungsgremium der ÖVP. hat lange beraten, wen man diesmal als Präsidentschaftskandidaten nominieren solle. Bei früheren Präsidentschaftswahlen hatte die ÖVP. nicht allzuviel Glück. Bei der Wahl Körners, der zunächst weniger Stimmen erhielt als der ÖVP.-Kandidat Gleissner, aber in der Stichwahl obsiegen konnte, gab der sogenannte "nationale Flügel", der mit fliegenden Fahnen ins sozialistische Lager zog, den Ausschlag. Etwas Ähnliches sollte diesmal vermieden werden. Wie konnte dies geschehen? Entweder durch Einigung auf eine über den Parteien stehende Persönlichkeit oder durch Nominierung eines Mannes der ÖVP., der dem nationalen Flügel nicht unsympathisch ist. Der Gedanke an eine unabhängige Persönlichkeit war von Anfang an verlockend. Aber es gab derer nicht allzu viele, und im einen oder anderen Fall erwies sich schon bei der ersten Fühlungnahme, daß die Betreffenden wohl unabhängig, aber zugleich auch ein wenig weltfremd waren.

ÖVP. und FPÖ. haben sich schließlich auf den überparteilichen Kandidaten, Professor Denk, geeinigt. Sollte der weit über die Grenzen seines Landes berühmte Wiener Chirurg tatsächlich gewählt werden – und die Chancen sprechen dafür, ist doch das numerische Übergewicht der beiden bürgerlichen Parteien groß und obendrein der sozialistische Gegenkandidat Schärf nicht sonderlich populär –, so würde der neue Präsident eine politische Szenerie vorfinden, die sehr viel Festigkeit und Fingerspitzengefühl erfordert. Wird ein reiner Gelehrter, ein großer Arzt und Menschenfreund dieser Aufgabe gewachsen sein?

Um diese Frage zu beantworten, muß man sich etwas eingehender mit der Person Denks befassen. In ihm lebt noch viel von der Weltoffenheit und Ausgeglichenheit, die die großen Vertreter der Wiener medizinischen Schule auszeichneten. Ganz im Geiste seines Lehrers Eiseisberg hat Denk eine allzu enge Spezialisierung vermieden, die Blickrichtung blieb immer die Gesamterscheinung des Menschen. Trotzdem wurden auf Teilgebieten (Denk hat viel in der Thoraxchirurgie gearbeitet, auch verdankt es Österreich diesem Mann, daß die neuesten Methoden der Herzchirurgie, wie sie in Schweden und Amerika entwickelt wurden, heute auch in Wien angewandt werden können) große Erfolge erzielt. Bereits diese berufliche "Weite" läßt vermuten, daß wir es hier nicht mit dem Typ des "a-politischen" Gelehrten zu tun haben.

Tatsächlich wurde in der schönen Wohnung, die Denk am Schwarzenbergplatz hatte – sie ist im Krieg durch Bomben zerstört worden –, viel über die sozialen und politischen Zeitfragen debattiert und nachgedacht. Wie denn auch anders! Bereits die frühesten Kindheitseindrücke müssen Denk mit dem Zeitgeschehen in enge Berührung gebracht haben; sein Vater war christlich-sozialer Abgeordneter zu einer Zeit, da diese große Partei noch nicht ihre konservative Deckfarbe angenommen hatte, sondern noch eine soziale Erneuerungsbewegung war, die als so radikal galt, daß sich Franz Joseph weigerte, den großen Lueger zum Bürgermeister von Wien zu ernennen. Er hat später zu diesen Dingen und Entwicklungen Distanz gewonnen. Distanz ist überhaupt etwas, was im Wesen Denks liegt, der in seinen knappen Urlaubstagen der Jagd oder dem Motorsport huldigte, bis eilte zunehmende Weitsichtigkeit dies schwierig machte. Aber es war nicht die Distanz der Gleichgültigkeit und des kalten Herzens.

Was Denk am derzeitigen politischen Leben Österreichs unsympathisch findet, ist die Verbindung von Politik und Stellensuche, wie sie z. B. (zu Recht oder Unrecht) dem "CV." (Abkürzung für Cartellverband katholischer Studenten) nachgesagt wird. Gegner Denks haben Sofort nach seiner Nominierung das unzutreffende Gerücht ausgestreut, er sei selbst ein "CV er".