Vier Bühnen starten Oelschlegel – Fünf Theater spielen Gressieker

Von Johannes Jacobi

Die Freie Hansestadt Bremen hat vor kurzem ihren Literaturpreis zur Hälfte der Lyrikerin Ingeborg Bachmann verliehen. Eigentlich wollte die Jury die volle Summe Frau Bachmann %eben. Rudolf Alexander Schröder indes, Namenspatron des Bremer Preises und selbst Lyriker, wußte wenig anzufangen mit Inge Bachnanns Werk. Noch in seiner gequälten Festrede sagte Schröder: "Sie, verehrte Frau Dr. Bochmann, werden es gewiß begreifen, wenn dem Doktor der Theologie in mir angesichts des Titels Ihres zweiten Gedichtbandes (,Die Anrufung des großen Bären’) bedenklich zumute ward." Obwohl dagegen "Die gestundete Zeit", wie Schröder einräumte, "ein Leitwort war, das gemeinchristlichen Vorstellungen durchaus entsprach", wurde dem Patron zuliebe der Bremer Preis geteilt.

Herbei holte man, da sich gerade drei Uraufführungen an den Bühnen der Hansestadt häuften, den dreißigjährigen Dramatiker Gerd Oelschlegel. Sein gleichzeitig an vier Bühnen gestartetes Stück bot mit dem Titel "Romec und Julia in Berlin" wenigstens dem Shakespeare-Übersetzer R. A. Schröder eine – wenn auch dichterisch nicht tragfähige – Verständnisbrücke. Der berühmte Nestor scheint sich an Werktiteln zu orientieren. Begriffe strapazierend, mühte er sich als pflichtmäßiger Lobredner, "eine politische Linie" als geistiges Band zwischen Oelschlegel und der Bachmann zu spinnen. Der Bremer Kompromiß wäre weniger peinlich verlaufen, hätte man Schröder darauf hingewiesen, daß gleichzeitig mit den Städtischen Bühnen in Essen die Bremer Kammerspiele ein Stück von Hermann Gressieker zur Uraufführung vorbereitet hatten: "Heinrich VIII. und seine sechs Frauen". Geist und Form dieses Werkes hatten schon die Jury des Berliner Gerhart-Hauptmann-Preises der Freien Volksbühne zu einer Auszeichnung außer der Reihe bewogen. Doch auch das christliche Gewissen des Bremer Literatur-Patriziers hätte beruhigt in diesem Faust-Drama der "Neuzeit" die Abrechnung mit dem Zweifel und das Ende des Rationalismus quittieren dürfen. Statt dessen erlag Schröder einem Scheinappell Oelschlegels an das nationale Gewissen. Wiederholt auf sich als "Dr. theol." hinweisend, hatte der greise Glaubenshüter in Literaturbezirken gar nicht bemerkt, daß er aus Bedenklichkeit gegen unchristliche Anwandlungen der Bachmann prompt einem den Glauben verschmähenden Nihilisten auf den Leim gegangen war.

Zur Einweihung des Mannheimer Nationaltheater-Neubaus hatte der Dramaturg Claus Helmut Drese einige provokatorische Fragen an die zeitgenössischen Bühnenautoren gestellt. Die Antworten waren so zahlreich, daß ein stattlicher Band neben den Dokumenten des Theaterbaus ein wahrhaft internationales Symposion enthält, dessen Thema die geistige Aufgabe des Theaters in der Gegenwart lautet. ("Das neue Nationaltheiter", in Kommission bei Lambert Schneider, Heidelberg, 256 S., 17,50 DM.) In dieser sehr illustren Gesellschaft warf sich besonders wortreich und in der Wir-Form schreibend Gerd Oelschlegel zum Stimmführer der deutschen Nachkriegsgeneration auf. "Das Weltbild des heutigen Menschen ist das Weltbild eines Nihilisten." So schreibt Oelschlegel. "Darüber vermögen auch die Institutionen nicht hinwegzutäuschen, die mit ihren Lehren, Dogmen und Programmen einen ehrlichen und verzweifelten Kampf führen, diese Entwicklung aufzuhalten ... Während die Älteren vor diesem aus der Verzweiflung, ‚aus dem nicht mehr glauben können‘, geborenen Nichts noch zurückschrecken, ist es den Jungen bereits selbstverständlich geworden." Nach "erhaltenden Kräften" sucht freilich auch dieser Fähnleinführer der Verzweifelten. In dieser Situation entdeckt er das Theater und empfiehlt es, genau besehen, als eine Art Kirchenersatz – eine typische Idee des 19. Jahrhunderts. Zwar verlangt Oelschlegel vom Verzweifelten, der das Nichts fruchtbar machen soll, "die Entscheidung zwischen Gut und Böse", weiß als Kriterium auch nichts anderes als "die Liebe zum Nächsten", also ein christliches Relikt, anzugeben. Doch nach dieser Koketterie mit einem sich selbst ad absurdum führenden Nihilismus, kneift nun der "Dramatiker" Oelschlegel. Er bekennt sich zu einem Theater, "in dem wir den Menschen wiederfinden, seine Sorge, seine Not, seine Verlorenheit, seine Angst, seine Liebe, seine Lüge – nur eins nicht, seine Antwort." Die Antwort will Oelschlegel freundlicherweise den Zuschauern überlassen. Wir fürchten, mit dieser Ausflucht wird der Autor gerade bei seinen Generationsgenossen wenig Gegenliebe finden. Tunge Menschen verlangen mehr denn je nach Symbolen, nach Wegweisung. Oelschlegel tauft seine Theorie der geistigen Enthaltsamkeit "objektives Theater".

"Krach im Hinterhaus" politisch

Was das ist, zeigt sein Stück. Breit schildert es einen "Krach im Hinterhaus", Wohnungsstreitigkeiten in einer Berliner Kneipe zwischen dem Pächter Lünig und dem Hausbesitzer Brink, der jenem ein Zimmer streitig macht. Auf dieses hundertmal und besser dagewesene soziale Milieustück werden politische Etiketts geklebt: Der Kneipenwirt ist Kommunist, dreißig Jahre Parteimitglied, der Hausbesitzer "Reaktionär" und CDU-Mitglied. Das Haus steht im Ostsektor Berlins, dicht am Grenzstrich. Zeit 1953. Der CDU-Sohn und die KP-Tochter lernen sich lieben, nachdem "Romeo" aus dem Uranbergbau geflohen ist und, von "Julia" vor dem SSD geschützt, den rettenden Westsektor erreicht hat.