Von Hedda westenberger

Die Redaktion der ZEIT übergab mir Ihre interessanten Entgegnungen. Der Inhalt Ihrer Mitteilungen über Südtirol ist mir natürlich in großen Zügen geläufig – denn ich lebe hier seit 27 Jahren. Es war daher nicht nötig, wie Sie es vermuten, den "Standpunkt" in Meran zu Hilfe zu nehmen, um selber zu einem Standpunkt zu kommen, sondern der meine hat sich aus der Praxis ergeben, aus dem täglichen Leben und der daraus datierenden Beobachtung der politischen Situation.

Durch meinen Mann, Südtiroler von Geburt, Hotelier und Grundbesitzer in der Umgegend von Bozen, hatte ich zur Genüge Gelegenheit, mit allen Kreisen der Bevölkerung in Berührung zu kommen, und zwar völlig unbefangen, was mir in meiner Eigenschaft als Journalistin vielleicht nicht einmal geglückt wäre. Daneben sind mir natürlich auch die Leute der Volkspartei nicht fremd geblieben; mit ihrem verstorbenen Führer Kanonikus Gamper habe ich des öfteren in vertraulicher Unterhaltung zusammengesessen, desgleichen mit dem meines Erachtens klügsten und weitsichtigsten Kopf der Partei, Regionalpräsident Dr. Magnago. Und das Resultat solcher Unterhaltungen war immer, daß wir uns im Ziel – der Durchsetzung einer wirklichen Autonomie für Südtirol – absolut einig waren, daß wir aber hinsichtlich des Weges völlig verschiedenen Theorien anhingen. Aber sogar Gamper gestand mir einmal: er wisse, daß es allmählich an der Zeit sei, liebenswürdigere Waffen (wörtlich: liebenswürdigere) im Kampf um die Südtiroler Belange anzuwenden, aber wer denn, in der Partei, habe das Zeug dazu? Er selbst aber müsse an seiner alten Linie festhalten; das Südtiroler Volk habe ihn ein Leben lang als unerbittlichen Kämpfer kennengelernt – wenn er umschwenke, irritiere er es und verliere alles Vertrauen; Und ein anderes Mal sagte er: er wisse, daß letztlich nur ein geeintes Europa die Lösung bringen könne.

Es würde zu weit führen, würde ich alle die internen Dinge berichten, die ich beobachtet oder auch selbst miterlebt habe und die Ihnen beweisen würden, daß auch die präzisesten Zahlen und scheinbar unwiderlegbarsten Statistiken nicht immer die ganze Wirklichkeit erfassen und daß hier unendlich vieles, was geschieht und seitens der Zei:ung Dolomiten als Affront und Böswilligkeit der Italiener groß angeprangert und den Menschen als seelische Belastung unter dem Schlagwort "Unterdrückung" aufgebürdet wird, in Wahrheit auf allgemeine organisatorische Schlamperei oder auch romanische Eigenarten der Italiener zurückzuführen sind, unter denen sie selbst genauso verbittert leiden.

In dem Zusammenhang möchte ich nur vier Dinge andeuten, die Sie ja auch in Ihrer Zuschrift gegen mich ins Feld führen:

1. In punkto Autonomie den Kampf der Sizilianer um die ihre, den ich mir angeschaut habe und der um kein Haar freundlicher verlief als der unsere – nur mit dem entscheidenden Unterschied, daß er gewissermaßen unter Brüdern ausgefochten wurde und darum eines wesentlichen Giftes entbehrte;

2. in punkto Unterwanderung,die Lage im Oosta-Tal, wo man genauso gegen die Unterwanderung aus dem Süden ankämpft wie wir und mit genau dem gleichen Mißerfolg – weil der italienische Süden einfach gezwungen ist, sich seiner Arbeitslosen durch Abschieben in den Norden zu entledigen, sonst ertrinkt er im Kommunismus. Daß es sich also insofern auch um eine wirtschaftliche Notwendigkeit handelt, die den ganzen italienischen Norden trifft, wird jedoch hier der Bevölkerung unterschlagen;