avi, Wiesbaden

Wenn sich jenseits des Waldrandes, der den Frankfurter Rhein-Main-Flughafen südlich begrenzt, an der alten Zigeunereiche bei Mörfelden die Wagenzüge des fahrenden Volkes aus allen vier Himmelsrichtungen begegnen, dann wird kein Gesetz ihnen vorschreiben, wohin sie sich von diesem Wegkreuz aus begeben müssen, wie lange sie in diesem oder jenem süddeutschen Dorf bleiben und wen die älteren Frauen der Sippe mit ihren Weissagungen beglücken dürfen.

Der hessische Landtag hat den von den Christlichen Demokraten eingebrachten Entwurf einer "Landfahrerordnung" mit 33 gegen 32 Stimmen abgelehnt. Eine knappe Mehrheit schloß sich den verfassungsrechtlichen Bedenken der Landesregierung an. Man wolle – so hieß es – kein Ausnahmerecht gegen die Menschen schaffen, die nach jahrtausendealtem Vorbild mit Pferd und Wagen durch die Gegend ziehen und dabei dieses oder jenes Gewerbe ausüben – manches Gewerbe übrigens, das nur mühevoll in die bürokratischen Erfordernisse der registrierenden Behörde eingezwängt werden kann. Hinter dem Gewerbeschein des Landfahrers steht oftmals nur ein Scheingewerbe.

Im Rhein-Main-Gebiet kreuzten sich von jeher die Wege des fahrenden Volkes. Längst nicht mehr unmittelbar an der inzwischen unter Naturschutz gestellten Zigeunereiche, also am Kreuzungspunkt der wichtigsten europäischen Luftverbindungen, wohl aber auf den benachbarten Bundesstraßen. Die Landgemeinden in Hessen und Rheinland-Pfalz sind wenig erfreut darüber. Sie schieben auf Grund anfechtbarer Polizeiverordnungen Wagenkolonnen der Zigeuner ins Nachbardorf ab. Auch dort wird dann die Genehmigung, Wohnwagen auf öffentlichen Straßen oder gar gemeindeeigenen Grundstücken abzustellen, nicht erteilt. So ist es oft vorgekommen, daß die Landfahrer im Kampf mit gemeindlichen Verwaltungsakten noch viel ruheloser, als es schon ohnehin ihrem Brauch entspricht, zwischen den Dörfern hin- und herfuhren.

Da fragt es sich, ob denn die von der CDU vorgeschlagene gesetzliche Regelung wirklich von den Betroffenen als ein Ausnahmerecht gegen sie und nicht vielmehr als eine segensreiche und schützende Ordnung empfunden worden wäre. Mittelalterliche Bräuche behutsam den modernen Erfordernissen anzupassen, bedeutet keine Überheblichkeit gegen die Menschen, die solchen Bräuchen noch anhängen. Sind nicht viele in unserer Zeit entwurzelt und heimatlos, obwohl sie nicht freiwillig das Los der "Landfahrer" wählten? Man sollte sich also überlegen, ob man nicht diejenigen, die mehr oder minder ohne Nutzen umherfahren, schon aus Nächstenliebe zu einer ihrem Leben angemessenen Ordnung bringen sollte, statt der Frage einfach aus dem Wege zu gehen...