Was auf der Ebene der hohen Politik noch auf so manche Schwierigkeiten stößt, nämlich die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Polen, ist auf "akademischer" Ebene am vergangenen Wochenende Wirklichkeit geworden: sechs polnische Studentenvertreter (zwei Delegierte des Studentenverbandes ZSP und vier Redakteure polnischer Studentenzeitungen), die zur Zeit zwölf Tage lang die Bundesrepublik bereisen, haben in Bonn mit dem Verband Deutscher Studentenschaften über die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit verhandelt und sich auf künftige Austauschmöglichkeiten geeinigt. Die studentischen Beziehungen mit Polen sind damit aufgenommen.

In einem kleinen Raum des Hamburger Stidentenhauses in der Schlüterstraße hat sich am vergangenen Donnerstag etwas Denkwürdiges begeben: zum erstenmal seit dem Kriege setzten sich auf westdeutschem Boden deutsche und polnische Studenten zu einem freundschaftlichen Gespräch an einen Tisch. Die Polen, eben jene sechs offiziellen Vertreter, die dann von Hamburg über Duisburg, wo sie die DEMAG besuchten, nach Bonn weiterfuhren und jetzt noch Frankfurt und München besuchen werden, stellten sich ohne jede Scheu den Fragen ihrer deutschen Kommilitonen: "Sie müssen wissen", sagte Franciszek Maron, Architekturstudent aus Krakau, "daß sich seit dem letzten Oktober bei uns viel geändert hat. Wir sind jetzt – das ist wohl die knappste Formel – in einer glücklichen, aber sehr schweren Situation."

Wie es denn heute mit der Zulassung zum Studium stünde, wollten die Deutschen wissen. "Die sogenannten Arbeiter- und Bauernfakultäten", lautete die Antwort, "gibt es heute nicht mehr. Studieren darf nur noch, wer das Abitur hat. Die Parteizugehörigkeit spielt dabei keine Rolle." Und wie steht es mit den ideologischen Fächern, die doch, wie man im Westen weiß, bisher einen festen Bestandteil des Studiums ausmachten? Nun, auch hier ist ein Wandel geschaffen worden: die Lehrstühle für Marxismus-Leninismus hat man abgeschafft. "Nicht, weil wir diese Fächer für überflüssig finden, sondern weil wir glauben, daß sie nicht wichtig genug sind, um eigene Lehrstühle zu rechtfertigen. Wenn einer bei uns Medizin studiert, dann soll er zuerst einmal ein guter Arzt werden. Früher ja, da war das anders..."

Früher – dieses Wort tauchte im Gespräch immer wieder auf. Gemeint ist damit die Zeit vor dem Oktober 1956, da Polen begann, sich eine eigene, unabhängigere Ordnung zu schaffen. An der neuen Entwicklung in Polen haben, das weiß man auch hier im Westen, gerade die polnischen Studenten einen großen Anteil gehabt. Und die gleichen Studenten sind es, die jetzt beginnen, die Türen nach dem Westen weit aufzustoßen. Sie haben Kontakte aufgenommen mit den meisten Studentenorganisationen der Welt und senden Delegationen in alle Himmelsrichtungen.

Die sechs jungen Polen, die jetzt die Bundesrepublik bereisen, folgen einer Einladung des Verbandes Deutscher Studentenschaften, der schon im vergangenen Herbst eine Gruppe von Redakteuren deutscher Studentenzeitungen zur allerersten Fühlungnahme nach Warschau geschickt hat. Jetzt, in Bonn, wurden die Gespräche sehr viel konkreter, und man einigte sich darauf, möglichst noch in diesem Jahre studentische Reisegruppen nach Osten und nach Westen über die Grenzen zu schicken. Des großen Währungsgefälles wegen ist daran gedacht, diesen Austausch weitgehend "bargeldlos" zu handhaben, das heißt, daß die deutschen Studenten vom Augenblick des Grenzübertritts an Gäste Polens sind – und umgekehrt.

Die polnischen Besucher, ruhig, sachlich, aufgeschlossen, zeigten sich von einer erstaunlichen politischen Offenheit. Auf die Frage, was er vom Wechsel im russischen Außenministerium halte, antwortete einer von ihnen: "Ob Schepilow oder Gromyko, das ist uns ziemlich gleichgültig – Gomulka ist wieder an dem Platz, auf dem er war: nur darauf kommt es uns an!"

Die polnischen Gäste, die in diesen zwölf Tagen einen recht umfassenden Eindruck von der Bundesrepublik bekommen haben, die das Bundeshaus, die westdeutsche Industrie und den Hamburger Hafen gesehen haben, kehren in ihre Heimat mit der Gewißheit zurück, daß zumindest die Studenten in der Bundesrepublik die Hände, die ihnen von Polen entgegengestreckt werden, ergreifen, und in ihrer Mehrzahl dem zustimmen, was Franciszek Maron einem Hamburger Kommilitonen sagte: "Wir wollen. – solange das Gerüst des Eisernen Vorhangs noch da ist – zunächst einmal aus dem Eisen Glas machen – mit vielen, vielen Türen darin..."

Hans Gresmann