Die Geschichte eines Widerstandes, aus dem eine Revolution werden kann – VI. Von Peking bis Pankow

Von Heinz Kersten

„Der Aufstand der Intellektuellen hat die Geschichte in Bewegung gebracht. Und das läßt uns hoffen.“ Mit diesen Worten beschließt Heinz Kersten seinen heutigen Artikel und damit zugleich die Fortsetzungsserie, in der er den Lesern einen großen Überblick über das atemberaubende Geschehen im Zeichen des östlichen „Tauwetters“ zu geben suchte. Nach Hinweisen auf China, auf die Tschechoslowakei, auf Bulgarien und Rumänien wendet sich der Autor heute schließlich jenem Gebiet zu, das uns Westdeutschen am nächsten liegt und dessen Schicksal wir mit heißem Herzen verfolgen: der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, deren Befreiung kommen wird.

Vier Jahre sind nun seit dem Tode Stalins vergangen.. Vier Jahre sind eine kurze Zeit im Ablauf der Weltgeschichte. Aber sie genügten, um den erstarrten Block eines Weltreichs zum Schmelzen zu bringen. Der polnische Frühling ist freilich noch eine Ausnahmeerscheinung, und Ungarn beweist, daß die Machthaber im Kreml auch eine Rückkehr zu stalinistischen Methoden nicht scheuen, um eine weitere Aufweichung ihres Imperiums zu verhindern. Aber wenn sie jetzt auch vor den Folgen einer von ihnen selbst in Bewegung gesetzten Entwicklung zurückschrecken und das winterliche Klima künstlich zu erhalten versuchen – die Eiszeit ist vorbei.

„Mögen alle Blumen aufblühen“, lautet eine vom ZK der chinesischen KP ausgegebene Losung, was in der poetischen Sprache der Orientalen eine Toleranz gegenüber allen künstlerischen Richtungen bedeuten sollte. Dem hielt aber unlängst Walter Ulbricht entgegen: „Es geht bei uns’in der Hauptsache nicht darum, ‚alle Blumen erblühen zu lassen‘, sondern vielmehr um eine richtige Zuchtwahl der Blumen...“

Geistige Unruhe auch in Prag

Auch in China selbst scheinen sich die Kulturfunktionäre-Gedanken über die Auswirkungen ihres neuen Kurses zu machen. Anfang Januar zog das Pekinger KP-Organ Jenminshibao eine Bilanz der im vergangenen Jahr auf dem Gebiet von Literatur und Kunst geleisteten Arbeit und gelangte dabei zu der Feststellung, daß sich die Zahl derjenigen Schriftsteller immer mehr verringere, „die sich an die schöpferische Methode des sozalistischen Realismus und an das Prinzip hielten, dem die Forderung zugrunde liegt, daß Literatur und Kunst den Arbeitern, Bauern und Soldaten zu dienen haben.“ Es kennzeichnet die Gleichartigkeit der Entwicklung im gesamten kommunistischen Machtbereich, daß sehr ähnliche Erscheinungen wie im Reich der Mitte auch die Kulturfunktionäre in den okzidentalen Volksdemokratien beunruhigen. Schriftsteller, Wissenschaftler und Studenten sind heute in fast allen Satellitenstaaten die wesentlichsten Opponenten gegen das herrschende Regime.