Als ihm die Intellektuellen zu übermütig geworden schienen, beschloß Ulbricht unter dem Eindruck des Budapester Menetekels, ein Exempel zu statuieren. Mit der Verhaftung des 35jährigen Ostberliner Philosophiedozenten Dr. Wolf gang Harich führte er einen Schlag gegen die gesamten sowjetzonalen Intellektuellen. Durch seine Frau war Harich mit einem der Hauptangeklagten des Rajk-Prozesses, Tibor Szönyi, bekannt. Schon 1949 hatte man den Ungarn verhaftet und als „amerikanischen Spion, Trotzkisten und Titoisten“ zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. Erst im Oktober 1955 war er aus Workuta entlassen worden, und nun mußte er kaum ein Jahr später, nachdem eine Haussuchung Briefe von György Lukacs zutage gefördert hatte, abermals hinter Gitter wandern. Sein Schicksal teilten Harichs Sekretärin, Irene Giersch, der Redaktionssekretär der von Harich geleiteten „Deutschen Zeitschrift für Philosophie“, Manfred. Hertwig, und der Leiter des Aufbau-Verlages, Walter Janka.

Die Gruppe „Harich“

Die Verhaftung der „Gruppe Harich“ war nur der Beginn einer allgemeinen Säuberungswelle gegen Intellektuelle. Für ihre Äußerungen hatten sie vor allem in der Zeitung des Kulturbundes Sonntag eine Tribüne relativ freier Meinungsäußerung gefunden. Hier waren mit erfrischender Offenheit kulturelle Probleme diskutiert worden, wobei auch Stimmen aus Polen und Ungarn, wie Gyula Háy und Lukacs, zu Worte kamen.

Nach Harichs Verhaftung war es damit vorbei. Die Redaktion des „Sonntag“ mußte „selbstkritisch“ ihre „Fehler“ eingestehen und ihre begabtesten Mitarbeiter an die Luft setzen. Anfang dieses Jahres traf den für seine liberalen Tendenzen bekannten verantwortlichen Redakteur Gustav Just dasselbe Los. Auch in der Redaktion der populären Massenzeitschrift Wochenpost wurde aufgeräumt. Schließlich wurde dann auch die satirische Wochenzeitung Eulenspiegel Mitte Februar dieses Jahres einer Sonderzensur der Abteilung Presselenkung beim ZK der SED unterstellt.

Mit dem Etikett „Kleinbürger“ werden neuerdings alle Opponenten gegen die stalinistische Parteilinie gebrandmarkt. Ulbricht erbitterter Kampf gegen den Revisionismus legt die Vermutung nahe, daß sich die SED in letzter Zeit aus einer „Partei der Arbeiterklasse“ in eine Partei von Kleinbürgern verwandelt hat. Polnische und titoistische Einflüsse zeigen sich vor allem bei einigen führenden Wirtschaftswissenschaftlern. So forderten die Genossen Professoren Benary und Behrens eine weitgehende Dezentralisierung und Beschränkung der Planung in der Volkswirtschaft und traten für die Arbeiterselbstverwaltung ein. Der führende Agrarökonom der Partei, Professor Vieweg, befürwortete die Auflösung aller unrentablen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften und eine stärkere Unterstützung der Einzelbauern im Interesse der Produktionssteigerung.

Philosophen gegen Stalin

Besonders die Philosophen wurden von der Partei zurechtgewiesen. Im SED-Organ Neues Deutschland war bereits von „regelrechten ,Aufweichungs‘erscheinungen“, der „Anzweiflung von Prinzipien der marxistischen Weltanschauung“ und „Annähe-6sung an bürgerliche Anschauungen“ die Rede. Es kennzeichnet die allgemeine Verwirrung, daß ein vordem auf seiten Harichs gegen die Dogmatiker aufgetretener Philosoph wie Alfred Kosing heute derartige Vorwürfe gegen die als im allgemeinen linientreu geltenden Genossen Havemann und Besenbruch erhebt. Die stärksten Angriffe richten sich jedoch von allen Seiten gegen den bekannten Philosophen der Leipziger Universität, Ernst Bloch, der die Ketzerei beging, einer Erneuerung der marxistischen Philosophie das Wort zu reden und gegen den „Schmalspur-Marxismus“ des gesellschaftswissenschaftlichen Grundstudiums zu polemisieren. Dabei hat Bloch, der, solange man ihm keine klare Auskunft über das Schicksal seines Freundes Lukacs gibt, keine Vorlesungen mehr halten will, unter den Studenten viele Anhänger.