Kurt Heynicke: Gedichte – Seite 1

Kurt Heynicke ist der letzte der expressionistischen Dichter der berühmten Anthologie "Menschheitsdämmerung", der heute noch Gedichte schreibt. Und durch seine Verse von heute, wenngleich sie die Einfachheit und Weisheit des Alters ahnen lassen, leuchtet noch immer die Leidenschaft jener Jahre durch:

Sage dem Dunkel: ich kehre später zurück

Nimm den Abend vom rötlichen Baum

und verschenk ihn.

Sage dem Dunkel:

mein Herz ist zu schwer, –

dein Haus zu bewachen.

Kurt Heynicke: Gedichte – Seite 2

Zu wenig Licht

wird verschwendet auf Erden,

Säumnis des Aug’s,

es zu schauen,

und des Herzens Müdigkeit,

zu verstreuen,

was vom Himmel herabstürzt: die Liebe.

Kurt Heynicke: Gedichte – Seite 3

Sage dem Dunkel:

ich kehre später zurück,

es möge mir einen Stern,

den letzten, bewahren.

Einkehr

Nimm, wenn der Lärmvogel klagt,

Kurt Heynicke: Gedichte – Seite 4

das Schweigen aus dem Zimmer von gestern,

trage es heim.

Fege die Angst von der Schwelle,

sie hat keine Flügel,

zertritt sie im Hof.

Denk an den zärtlichen Zuruf zwischen

den Türen,

Kurt Heynicke: Gedichte – Seite 5

den Himmel am Fenster

und das Bild an der Wand heißt: Weißtdunoch.

Sitze am Tisch und trinke Erinnrung

und die dunkle Spur der Hoffnung,

unvermischt.

Nenn es Geträumtes.

Bald ist die Uhr, sei nicht traurig,

Kurt Heynicke: Gedichte – Seite 6

gestorben.

Gegen Morgen

Den Schlaf, die blaue Speise der Nacht,

trägt die Dämmrung vom Traumtisch.

Am Fenster steht ein Spiegel aus Morgengold,

in dem sollst du baden.

Vergiß nicht das Lied aus dem Sternbaum,

Kurt Heynicke: Gedichte – Seite 7

es nennt alle Stunden,

die aus deinem Herzen fallen,

mit Namen.

In den Flügeln der Sonne,

bei der kleinsten flammenden Flaumfeder,

glüht ein Gedanke,

mit ihm läßt sich reisen.