Von Josef Müller-Marein

Über Einzelheiten des „Buches der Etikette“, das neuerdings soviel Aufsehen und hohe Auflagen erlebt, mag man an anderer Stelle, nämlich im literarischen Teil der ZEIT, lesen. Man wird dort einiges über den Autor Karlheinz Graudenz, der sich „Weltenbummler“ nennt, finden und vor allem über dessen Mentorin Erica Pappritz, eine „Diplomatin“, die laut Klappentext „dem Weltenbummler über die Schulter sah, als er schrieb“. Sie dient als Legationsrätin und Stellvertretender Protokollchef dem Auswärtigen Amt in Bonn und weiß, daß es sich gehört, einen Menschen, der eine amtliche Würde hat, mit seinem Titel und nicht mit seinem Namen anzureden. Ob sie, während sie dem Autor über die Schulter sah, auch das Motto des Buches erblickte: „Wo wir sind, ist oben“, soll zu ihren Gunsten angezweifelt werden. Vielleicht hat sie auch nicht beachtet, daß die „selbstverständliche“ Forderung des vorbildlichen Gentleman, der an jedem Morgen frischer Leibwäsche bedürftig ist, in die Worte gekleidet wird: „Unser täglich Hemd, gib uns heute“, eine Blasphemie, die nicht beanstandet zu haben, einer Diplomatin nur dann verziehen werden kann, wenn sie glaubhaft nachzuweisen vermag, daß sie das „Vater unser“ nie gebetet hat. Besäße sie außer der Kenntnis des feinen Benimms auch den feinen Takt, aus dem das feine Benehmen doch eigentlich wohl hervorgeht, so hätte Frau Legationsrätin sogar bei nur flüchtiger Durchsicht des Graudenzschen Manuskriptes gemerkt, daß dieses Buch, auf dessen Umschlagseite ihre Visitenkarte neben der des Autors prangt, ein Wälzer ist, den ein Snob zum hochwohllöblichen Gebrauch für Snobs verfaßte. Es ließen sich Belege für eklatanten Snobismus in Hülle und Fülle vortragen, doch genug!

So mag man unwillkürlich den Verdacht hegen, daß gerade dieser Snobismus zwar den Tadel manch besorgten Kritikers hervorrief – etwa der Alterspräsidentin des Bundestages, Frau Dr. Lüders –, aber zugleich dem Buch über die Etikette auch eine große Käuferschaft eintrug. Die Bundestagsabgeordneten drängten sich, wie man hört, um den Verkaufstisch der Buchhandlung im Parlamentsgebäude: ein Umstand, der gewiß vor allem der Visitenkarte der ihnen wohlbekannten Frau Legationsrätin zuzuschreiben ist. Denn nach dem Inhaltsverzeichnis konnten sie zwar hoffen, im Kapitel „Auf spiegelndem Parkett“ über den feinen Umgang mit „Prinzen, Fürsten, Herzögen“, desgleichen mit dem „Diplomatischen Corps“, nicht aber über den guten Ton in einem demokratischen Parlament aufgeklärt zu werden. Nein, es ist die Sensation, die fortzeugend Sensationen bringt. Nicht vornehmlich das Thema, nicht der Inhalt des Buches mag unsere Abgeordneten angelockt haben, sondern vielmehr wollten sie – wenn vielleicht auch genießerisch – prüfen, ob und wie sehr ihre diplomatische Anstandsdame sich blamiere. Das ist schließlich ihr gutes Recht, am Ende sogar ihre brave Pflicht. Und Snobismus ist wirklich die Krankheit nicht, an der unsere Volksvertreter leiden, ebenso wie es im allgemeinen auch nicht die Krankheit unserer bundesrepublikanischen Diplomaten ist.

Da sieht es um die bürgerliche Leserschicht in der Bundesrepublik schon anders aus. Es ist ja nicht so, als ob das mit dem Namen und Titel der Frau Legationsrätin verbundene, dickleibige Kompendium über die Etikette die einzige Quelle wäre, aus der die Anstandsbeflissenen schöpfen können. Auch besteht ohne Zweifel ein sehr weites Interesse an der Kenntnis allgemeiner Regeln, nach denen sich vielleicht ein wenig mehr Ordnung in unsere menschlichen Beziehungen bringen ließe. Und wenn ein „Anstandsunterricht“, wie eine deutsche Illustrierte von Millionenauflage ihn ihren Lesern mit dem Blick auf die praktische Möglichkeit größerer Höflichkeit unter uns Zeitgenossen erteilt, millionenfachen Erfolg hat – was soll tadelnswert daran sein? Aber darüber hinaus gibt es in unseren Landen nun einmal einen Hang zur Äußerlichkeit, der vor zehn Jahren – wie sollte das auch sein: unter Trümmern? – nicht vorhanden war und der sich, seit die Stunde des „Wirtschaftswunders“ schlug, mehr und mehr verstärkt. Und hier haben wir vielleicht das „Symptom Pappritz“ am Wickel.

Wir haben heute soviel Freiheit wie seit Jahrzehnten nicht – von der Unfreiheit zur Hitlerzeit ganz zu schweigen, denn auch die ersten Nachkriegsjahre haben uns zunächst nur die „Freiheit“ gebracht, zu hungern und zu arbeiten. Jetzt, da wir uns unserer persönlichen Freiheit bewußt geworden sind, sind wir auch „so frei“, auf andere herabzusehen, wenn die Etikette des Spruches „Wo wir sind, ist oben“ es verlangt. Und noch immer ist Tucholsky nicht Lügen gestraft, der als unumstößliche deutsche Wahrheit den Satz zitierte, daß ein Obersekretär mehr sei als ein Sekretär. – Doch nicht nur Freiheit: wir haben einen gewissen Wohlstand erworben, den das renommistische Wort vom „Wirtschaftswunder“ uns nicht verächtlich machen kann: Nun verlangt es uns, den Sonntagsanzug oder den Frack, den wir bar bezahlt haben, auch mit der ihm gemessenen Würde zu tragen. Weibliche Hände her – ich will sie küssen, damit ich die Selbstbestätigung habe, daß ich zur abendländischen Kultur gehöre...

Übrigens ist die neue Lust, sich nach traditionellen Regeln zu benehmen (egal, woher die Tradition auch jeweils kommen mag), nicht auf das Bundesgebiet beschränkt. Überall in Europa sind Leitfäden nach dem guten, alten Knigge-Muster gesponnen worden, und sogar Rußland hat kürzlich verlauten lassen, daß ein Lehrbuch über die Kunst, gesellschaftliche Formen, zu wahren, viel Anklang bei den Sowjetmassen gefunden hat. Bei all den politischen Sorgen, von denen die Menschen überall in der Welt geplagt werden, fühlen die einzelnen doch in ihrem Lebensbereich soviel fester Boden unter den Füßen, daß sie korrekt darauf zu stehen wünschen und möglichst den kleinen eignen Kreis zu anderen, „besseren“ Lebenskreisen ausweiten möchten. Wem die innere Sicherheit dazu fehlt, der bezieht aus allgemeinen Umgangsregeln die Courage, Schmied seines Glückes zu werden. Und wenn sich die Tatsache, daß ein dazu vorher nicht gelaunter Mann fortan einer Dame den Vortritt läßt, einzig und allein auf die Lektüre des mit dem Signum Pappritz versehenen Buches zurückführen ließe, nicht aber auf eingeborenes Taktgefühl, so wäre dies magere Resultat ja nicht zu verachten. Von einem „Symptom Pappritz“ könnte da keine Rede sein. Anders freilich stellt sich die Frucht moderner Umgangslehren dar, wenn der vollendete Kavalier am Steuer seines Wagens – gekleidet, gebadet und gebügelt, wie das Gesetz seiner Gesellschaftsklasse ihm befiehlt – die bare Rücksichtslosigkeit an den Tag legt gegenüber anderen Autofahrern, von seinen motorisierten Umgangsformen im Verkehr mit Fußgängern ganz zu schweigen, wie man dies an jedem Tag in unseren Großstädten beobachten kann. „Wo wir sind, ist vorn.“ Symptom Pappritz.

Wie wir Deutsche als „Weltenbummler“ im Ausland nicht selten aufzutreten pflegen, davon ist uns nach unserer Heimkehr manchmal ein unfreundliches Echo ins Ohr geklungen. Das Schlagwort „Uns kann keener“ charakterisiert manchen von uns, wenn er auch nicht weiß, daß dieser Spruch, einst mit berlinischem Akzent versehen, aus wilhelminischen Tagen stammt. Aber klar ist beispielsweise, daß das heutige Berlin – voller Sorgen, voller Mut, voller kritischer Lebensfülle – durch das Symptom Pappritz nicht gekennzeichnet ist. Hat das Symptom Pappritz etwa Bonner Odeur? Dann muß das Bonner Milieu sich dagegen wehren.

Freilich, auf Ordnung der Beziehungen zwischen den Menschen bedacht zu sein, ist ein selbstverständliches Bestreben, sei es selbst in der wohlfeilen, von keiner Zugehörigkeit zu echten Idealen getrübten Weise der feinen Anstandslehre. Beläßt man es jedoch bei dieser äußerlichen Manier – Symptom Pappritz –, dann muß man fürchten, daß diese Hochglanzpolitur der Zivilisation nur schlecht dazu dient, die dünner gewordene Humusschicht der Kultur zu verdecken.