Unter der großen Zahl bedeutender Musiker, die im Laufe des letzten Jahrzehnts starben, nimmt Othmar Schoeck eine Sonderstellung ein. Der am 9. März 71jährig in Zürich verstorbene Komponist war der unbestrittene Altmeister seines Vaterlandes; was aber noch mehr besagt: sein Name war, zum ersten Male in der neueren Geschichte der deutschen Schweiz, ein Siegel für schöpferischen Weltrang, wie ihn deutsch-schweizerische Musik zuvor in keiner Gestalt erreicht hatte. Wenn heute in der jüngeren Generation der eine oder andere Anwärter auf Nachfolgeschaft in diesem Anspruch vorhanden ist, so darf man behaupten, daß auch darin sich das Wirken Othmar Schoecks fortsetzt: er hat gewissermaßen einen Bann gebrochen, hat der Musik seines Landes die Zunge gelöst und ein unüberhörbares Zeichen aufgerichtet. Allein, das soll nicht heißen, sein Lebenswerk dürfe nunmehr als bloßes Beispiel in die Historie eingehen. Vielmehr sollte gerade der Tod dieses hervorragenden Mannes Anlaß sein, sein Geschaffenes williger und dankbarer zu pflegen, als das letzthin in der gesamten Musikwelt der Fall war. Schoeck zählte nämlich zu jener gar nicht so selten vorkommenden Kategorie von künstlerischen Erscheinungen, die zwar oft mit Respekt genannt, im allgemeinen aber wenig gekannt werden. Seine Kunst stellt Anforderungen an den Hörer, sie erschließt sich nicht der oberflächlichen Genußsucht, sondern nur der ernsteren Bereitschaft, dieser freilich um so reicher und beglückender.

Das Schwergewicht seines Schaffens liegt auf einem Gebiet, das leider in unserer Zeit überhaupt kaum noch kultiviert wird: der Lyrik. Schoecks überaus zahlreiche Lieder rangieren ebenbürtig in der romantischen Reihe der größten Leistungen, die von den Namen Schubert, Schumann, Brahms, Hugo Wolf und Pfitzner repräsentiert wird. Umstrittener ist seine Bedeutung als Opernschöpfer; allein gerade diese Provinz seiner Lebensarbeit sollte einmal einer gründlichen praktischen Überprüfung unterzogen werden. Vor allem in den wichtigsten Stücken: Don Ranudo, Penthelisea, Massimilla Doni, Das Schloß Dürande. Und den orchestralen und kammermusikalischen Instrumentalkompositionen gebührt ein fester Platz in den so steril gewordenen Programmen unserer Konzerte, deren Routinebetrieb sie wohltätig unterbrechen könnten.

Es ist wieder eine Persönlichkeit von verpflichtendem Format und eigenem Gesicht dahingegangen. Wie weit unsere Zeit noch gesonnen ist, derartige Verpflichtungen einzulösen, wird sich zeigen. A-th