Wir sind der Ansicht, daß der Kapitalismus in Westeuropa seinem Ende zugeht und historisch überlebt ist. Wir sind der Ansicht, daß der Sieg des Sozialismus in Westeuropa unvermeidlich ist. Wir glauben aber nicht, daß der Sieg des Sozialismus in Westeuropa durch eine Revolution herbeigeführt werden muß. Wir glauben, daß der westeuropäische Sozialismus den Kapitalismus in friedlicher Weise ablösen wird. Wir sind der Ansicht, daß dieser Umwandlungsprozeß des Kapitalismus in den Sozialismus in Westeuropa nicht überall unter der Führung der Kommunistischen Partei vor sich gehen wird, sondern daß in vielen Ländern die Kommunisten diesen Prozeß überhaupt nicht werden leiten können.

Der Sozialismus ist ein objektiver Prozeß und nicht an den Namen einer Partei gebunden, die sich mit dem Sozialismus identifiziert. Wir sind der Meinung, daß in Westdeutschland nur die SPD den Sozialismus verwirklichen kann, weil die Kommunisten in Westdeutschland jeglichen Einfluß auf die westdeutsche Arbeiterklasse verloren haben. In einem wiedervereinigten Deutschland kann nur die SPD im Bündnis mit den echten sozialistischen Kräften in der SED den Sozialismus errichten oder, worauf wir noch später kommen werden, eine neue sozialistische Partei der deutschen Arbeiterklasse, hervorgegangen aus der Verschmelzung der SPD mit einer reformierten SED, die die Stalinisten aus ihren Reihen entfernt hat.

Die realen Möglichkeiten für eine sozialistische Entwicklung in Europa sehen wir in folgendem: Im Osten Europas sind Wirtschaftsstrukturen entstanden, die bei einer radikalen Reform und Überwindung ihrer Entartung geeignet sind, in den östlichen Ländern den Sozialismus eher zu verwirklichen, als dies in den westeuropäischen Ländern mit ihren überwiegend kapitalistischen Wirtschaftsstrukturen möglich sein wird.

Eine radikal entstalinisierte östliche Wirtschaftsstruktur in der UdSSR und in den Volksdemokratien wird im Verlaufe der weiteren Entwicklung den kapitalistischen Westen allmählich beeinflussen. Gleichzeitig wird der Westen den Osten mit demokratischen und freiheitlichen Ideen und Auffassungen beeinflussen und den Osten zwingen, sein totalitäres und despotisches politisches System Schritt für Schritt abzubauen.

Diesen Prozeß wollen wir in der DDR beschleunigen, um damit den Gegensatz Ost–West abzuschleifen und zu einem friedlichen Zusammenleben in Europa zu kommen. Unser Verhältnis zur UdSSR wird durch folgende Überlegungen bestimmt. Wir sehen in der UdSSR den ersten sozialistischen Staat der Welt. An dieser Tatsache konnte auch der Stalinismus nichts ändern. Der sowjetische Sozialismus kann jedoch nicht vorbildlich für alle Länder sein und ist es selbst im Innern der UdSSR nicht mehr. Er ist in seiner heutigen Form zu einem Hemmnis für eine weitere sozialistische Entwicklung der UdSSR geworden.

Diese Formen des sowjetischen Sozialismus waren für eine ganz historische Epoche unvermeidlich und erwuchsen aus der Rückständigkeit Rußlands, aus seinen fehlenden demokratischen Traditionen, aus dem Überhandnehmen des Partei- und Staatsapparates über das öffentliche Leben und aus dem Bestreben, den Westen in seiner industriellen