Die kontrollierte Wüste – Im schwarzen Beduinenzelt

Von Hans Nieter O’Leary

Seit der Chef des britischen Generalstabs, Sir Gerald Templer, im Dezember 1955 versuchte, Jordanien in den Bagdad-Pakt hineinzumanövrieren, hat sich die politische Situation in diesem nach dem ersten Weltkrieg von England konstruierten Staat mit unglaublicher Beschleunigung von Großbritannien fortentwickelt. Im März 1956 mußte der englische Oberbefehlshaber der jordanischen Armee (der arab legion), die als die beste des Nahen Ostens gilt, das Land verlassen. In diesen Wochen nun ist auch der englisch-jordanische Vertrag, der noch bis 1963 Gültigkeit hatte, außer Kraft gesetzt worden. Die englischen Truppen ziehen ab. Mancher fragt sich gespannt: wer wird in Zukunft die eben erst von den Engländern fertiggestellten Flugplätze – sie sind für die modernsten Maschinen eingerichtet – benutzen. Wird Syrien, der Nachbar im Norden, der während der letzten Monate immer mehr unter russischen Einfluß geraten ist, zum Rückhalt des schwachen, finanziell von Ägypten, Syrien und Saudi-Arabien abhängigen Staates werden, oder König Saud, der reiche Nachbar im Süden, dessen Beziehungen zu den USA in letzter Zeit besonders eng geworden sind? Jordanien steht einstweilen zwischen den östlich und den westlich orientierten Staaten des Nahen Ostens. Aber wie lange? Amman, im März

An der syrischen Grenze steht eine Tafel, auf der es heißt, daß hier das Haschemitische Königreich Jordanien beginnt. Man würde es ohne diese Tafel nicht merken, daß man hier eine Landesgrenze überschreitet; sie verläuft schnurgerade im Sand, an der Landschaft sieht man keine Änderung. Beiderseits der Trennungslinie, die keine ist, liegt die unendliche Syrische Wüste. In der Regenzeit blühen die Dünenhänge in den tollsten Farben; die Wüste befindet sich in einem Blütenrausch. Aber schon fängt die Sonne wieder an zu heizen, und für den Rest des Jahres liegt die Erde braunrot gebrannt öde unter dem unbarmherzig wolkenlosen Himmel. Nur in der Regenzeit, wenn in denWadis, den im Sommer ausgetrockneten Erdsenkungen, Wasser rauscht, gibt es Futter genug für die Schafherden. Für Millionen von Arabern ist die Regenzeit wichtiger als alle Ölquellen der Welt, daran hat bisher auch die langsam vordringende westliche Technik nichts geändert. Die drei Flughäfen Jordaniens in Jerusalem, Amman und Mafraq erscheinen wie ein Anachronismus. In nur drei Stunden überfliegt ein Flugzeug das Land, durch das die Kinder Israels vierzig Jahre zogen und in dem noch heute die Beduinen ein Jahr brauchen, um ihre Herden hindurchzutreiben.

Das Königreich Jordanien, im Herzen der arabischen Welt, ist ein Land der Hirten und Bauern. Während Ägypten, Libanon und Syrien es verstanden haben, sich mit dem Wesen der westlichen Welt auseinanderzusetzen und trotzdem im arabischen Kulturkreis zu bleiben, und während Saudiarabien und der Yemen sich im Zustand mittelalterlicher Feudal-Dynastien befinden, steht Jordanien in der Mitte zwischen diesen beiden Gruppen.

Die anderthalb Millionen zählende Bevölkerung Jordaniens ist vorwiegend arabisch und mohammedanisch. Jedoch gibt es kleinere Volksgruppen von Tscherkessen, Kurden, persischen Bahais und ungefähr 200 Samaritaner, die seit biblischen Zeiten noch in Nablus leben. Die mohammedanischen Tscherkessen wurden von den Russen während des türkisch-russischen Krieges 1877 verfolgt und ausgewiesen und von den Türken in den Moabiter Bergen angesiedelt. Noch heute sind sie leicht erkenntlich an ihrer Kosakentracht. Die königliche Leibgarde besteht ausschließlich aus Tscherkessen. Während der britischen Mandatszeit wurde die Truppe der Transjordan Frontier Force zuerst aus Tscherkessen zusammengestellt, und erst später wurden auch Araber und Kurden in die Truppeneinheit aufgenommen. Die Transjordan Frontier Force war unter Führung britischer Offiziere eine Armee im kleinen, sie bestand aus Infanterie, Kavallerie und Tankeinheiten. Die Truppe trug die malerische Kosakenuniform mit einer breiten scharlachroten Bauchbinde, sie war in der britischen Armee unter dem Spitznamen "Rotbäuche" bekannt. Zusammen mit der arabischen Legion eroberte sie die Altstadt Jerusalems während des israelisch-arabischen Krieges.

Amman ist die Hauptstadt Jordaniens. Sie ist von Jerusalem in zwei Stunden Autofahrt zu erreichen. Eine romantische Straße führt von Jerusalem curch die Judäischen Berge hinunter nach Jericho wo als mattes Echo der einstigen Trompetenstöße ein paar magere Hühner gackern. Jericho ist einer der heißesten Orte der Welt, es liegt 300 Meter unter dem Meeresspiegel im Jordantal, nicht weit vom Toten Meer, das ölig und fast unbewegt daliegt.