Wasserburg, im April

Alpenvorland – das ist zunächst einmal nur eine geographische Bezeichnung, eine bloße Ortsbestimmung. Im Zeitalter des weltbeherrschenden Reisesports, der sich ausschließlich auf die landschaftlichen Sensationen stürzt, bedeutet es gewissermaßen eine letzte Etappe vor dem „Eigentlichen“, eine letzte Geduldsprobe vor dem Ziel, eine letzte Rennstrecke, die durchmessen werden muß, bevor die grandiose Kulisse des Hochgebirges auftaucht und die Welt der Bergriesen einen umfängt, vielleicht auch sie nur eine feudale Passage zum tieferen Süden, der noch größeren Sensation.

Wie viele Alpen- und Italienreisende mögen ahnen, an wieviel Kostbarem sie achtlos vorüberrasen? Dieses bayerische Alpenvorland gehört zu den reichsten, vielseitigsten und kultiviertesten Landschaften Mitteleuropas, und es ist schwer von Geschichte und Kunst. Die starken Farben und phantasievollen Formen seiner Natur umschließen fast in jedem Dorf, mindestens in der Kirche, ein Dokument hoher künstlerischer Tradition und musischen Erbes. Natur und Kultur haben hier weithin noch ihre ursprüngliche Zugehörigkeit zueinander erhalten und beide eine Unberührtheit, eine Beständigkeit bewahrt, wie selten noch an anderen Stellen unseres alten Erdteils. Das macht diesen breiten oberbayerischen Landstrich zu einem Refugium erholsamer Stille, Bedachtsamkeit und Genüßlichkeit – für jene Art von Reisenden, die Erholung nicht in der Zerstreuung, sondern in der Sammlung suchen.

Die neuste Statistik will wissen, daß diese Kategorie der Sommernomaden nach langer Zeit jetzt wieder im Zunehmen begriffen sei. Es soll heute nicht wieder wenige Großstädter geben, die tatsächlich von ihrem Ferienaufenthalt etwas anderes erwarten, als was sie ohnehin das ganze Jahr hindurch haben: Masse-Mensch, Betrieb, Mondänität und Alltagsluxus. Es soll wieder Freunde produktiver Ruhe und regenerierender Selbstbesinnung geben. Solchen Betriebsamkeitsflüchtlingen bietet das Alpenvorland eine Fülle beglückender Möglichkeiten an. Ein besonderes, vom Karawanenstrom buchstäblich „links liegengelassenes“ Juwel ist jene Gegend nördlich der Autobahn München-Salzburg, die westlich vom Inn und östlich von der Salzach begrenzt wird, die hier zugleich die Landesgrenze gegen Österreich bildet. In den vielen Orten dieses schönen Gebietes, in denen Tage, Wochen oder auch Monate zu rasten und zu entspannen sich lohnt, ist der Besucher noch wirklich „Gast“, nicht Diktator, der die fremde Umwelt nach seinem Bilde umformt, verfälscht und allmählich entwertet. Gast – der nicht dem Orte seine Spuren aufdrückt, sondern von dem Orte, seiner Atmosphäre und seinen Bewohnern Eindrücke aufnimmt, Spuren davonträgt. „Fremder sein“ ist hier noch keine industrielle Wertmarke, sondern eine bloße Tatsache. Aber man sieht den Fremden gern und begastet ihn auf eine angenehme, ungezwungene Art. Das Heimische hingegen ist noch stark genug, sich der Umprägung durch fremde Ansprüche zu entziehen.

Freilich sind auch die Verkehrsverhältnisse dazu angetan, den inselhaften Charakter dieses Landstriches aufrechtzuerhalten: sie sind ausreichend für die eigenen Bedürfnisse und diejenigen besagter „stiller Gäste“; aber sie sind nicht geeignet, von modernen Kilometerfressern mitgenommen zu werden. Die Bahnverbindungen erfordern ein geduldiges Gemüt und die Autowege widersprechen zumeist dem Gesetz der kürzesten Linie, bisweilen auch anderweitigen berechtigten Wünschen. Altehrwürdig ist allerdings die Strecke München-Wasserburg: es ist die – übrigens wohlgepflegte – uralte Salzstraße, der Handelsweg zwischen dem Salzkammergut und Augsburg. Und wie ein nahezu unverändert gebliebenes Denkmal mittelalterlichen Bürgergeistes steht an der Kreuzung dieser alten Handelsader mit dem süd-nördlichen Schiffahrtswege, eingebettet in eine beinahe geschlossene Schleife des Inn das Städtchen Wasserburg. Seine vielfarbige, besonders vom lebhaften Ocker belichtete Uferfront bietet einen Anblick, der nur mit den malerischen italienischen Stadtmotiven zu vergleichen ist. Die gotischen Profile der Burg, der Jakobs- und der Frauenkirche krönen dieses Bild, das in so prächtigem Rahmen Wunder baulicher Gestaltung von einer längst erloschenen Kraft der Phantasie enthält. Und diese altersgrauen Hausburgen mit ihren Zinnen und Lauben, diese überraschungsreichen Kompositionen sind nicht von ehrgeizigen Architekten, sondern von schlichten Handwerksmeistern aufgeführt – was zu merkwürdigen Beobachtungen über den kulturellen Fortschritt anregen könnte ... Eines Vergleichs mit den Erbauern der mittelalterlichen Häuser würdig sind nur noch die Meister des Barock und des Rokoko, die später manche wuchtige Front ins Gegenteil verwandelten. Würdig der Stadt ist auch ihr landschaftliches „Bett“, der milde Höhenring der jenseitigen Uferböschung, der sie wie ein Kranz umgibt.

Ebenfalls in einer Flußschleife liegt an der Salzach die Schifferstadt Laufen, auch sie ein Hort alter Kultur und heute noch ein Ort geruhsamer Stille. Nicht allzuweit davon flußabwärts gibt es eine weitere bayerische Kostbarkeit, die kaum ein Reisender aus dem Norden kennt: Tittmoning. Eigentlich besteht das Städtchen lediglich aus dem geräumig hingebetteten Markt mit seinen überaus malerischen Fassaden, seinen zwei zauberhaften Toren, seinen Brunnen, der grazilen Mariensäule und aus einigen Seitenstraßen, über denen das schöne Achteck des Pfarrkirchenturmes und die klobige, einstmals fürstbischöflich-salzburgische Jagdburg hinwegragen. Das ganze alte Nest ist in Grün gebettet und empfängt die Heiterkeit von der Vitalität des Flusses, dessen Ufer hier; noch einen paradiesischen Frieden haben.

Unzweifelhaft die Krone der bayerischen Salzachstädte, gleich den anderen vom Mittelalter geprägt, aber noch großartiger in der Selbstbehauptung gegenüber dem Zeitenwandel ist Burghausen. Es trägt seinen Namen nach der weit ausgedehnten völlig erhaltenen Burganlage, die den langhingestreckten Höhenrücken zwischen Salzach und Wöhrsee in seiner ganzen Länge bedeckt; die größte und schönste aller deutschen Burgen. Sie war der Regierungssitz der „Reichen Herzöge“, stammt aber schon aus dem 13. Jahrhundert. Erstaunlich ist nicht nur ihre Wohlerhaltenheit in allen Teilen, sondern vor allem der unerschöpfliche Formenreichtum ihrer vielen Gebäude, Türme, Kapellen und Tore, von denen nicht eines dem anderen gleicht. Die Stadt zu ihren Füßen ist nicht minder verschwenderisch an vielfältiger Eigenart. Es gibt da eine lange, nahezu unverändert mittelalterliche Straße, zahllose barockisierte Häuserzüge, grandiose Kulissen, Durchblicke, Überschneidungen. Wie überall in Bayern sind die Kirchen Fundgruben kulturhistorischer Schätze und unvergänglicher Kunstwerte. Ein überschwenglich prächtiges Barockdenkmal liegt nahe vor der Stadt: die Zisterzienserkirche Raitenhasbach. Auf der Burg, im Kemnatenbau, ist ein interessantes Heimatmuseum und in einem anderen Trakt eine Jugendherberge untergebracht.

Es gibt gewiß keine schöneren Plätze als die genannten, die noch so wenig überlaufen und infolgedessen so wenig sich selbst entfremdet worden sind. Bekanntere hat freilich auch dieses Dreieck zwischen Inn und Salzach, bevor sie sich vereinigen, aufzuweisen. Den Wallfahrtsort Altötting kennt wohl jeder wenigstens vom Hörensagen. Und das dörfliche Waging am See – am Waginger See, dem wärmsten der bayerischen Voralpenseen – ist in den letzten Jahren von Berliner und westdeutschen Reisegesellschaften „erschlossen“ worden und beginnt Weitläufigkeit anzusetzen. Das „Entdecktwerden“ trifft manchmal blind wie das Schicksal. Aber der Freund der Stille wird vielleicht dankbar für den Hinweis sein, wo es für ihn noch auf eigene Faust so manches Schöne zu entdecken gibt. Ath