Die „Gesellschaft für arbeitswissenschaftliche Forschung“, die in Hamburg zwei Tage über „Probleme der Arbeitszeit“ referierte und diskutierte, war mit ihrem Thema zweifellos up to date. Seitdem ab 1953 die durchschnittliche Arbeitszeit in der gewerblichen Wirtschaft die 48-Stunden-Grenze überschritten hat, sind durch verschiedene Vereinbarungen während des letzten Jahres die Arbeitszeiten zurückgeschraubt worden. Nach gewerkschaftlichen Angaben kamen Anfang dieses Jahres rund 6,7 Millionen Arbeiter und 0,7 Millionen Angestellte – das sind rund 40 v. H. aller in der gewerblichen Wirtschaft Beschäftigten – in den Genuß der 45-Stunden-Woche.

Wie immer sich die Dinge entwickeln mögen, so ist doch soviel sicher, daß die Tendenz zur Verkürzung der Arbeitszeit sich eben erst zu entfalten beginnt. Atomenergie und Automation haben in der breiten Masse der Bevölkerung Hoffnungen geweckt, die sich auf die Dauer nicht mehr unterdrücken lassen. Ob die Wünsche und Erwartungen sich überhaupt in übersehbarer Zeit erfüllen lassen, ist eine andere Frage. Die Gewerkschaften wissen, daß sie mit der Gesamtwirtschaft in einem Boot sitzen. Vielleicht wird man sie gelegentlich daran erinnern müssen, was einer ihrer Vertreter auf dieser Arbeitstagung versicherte: daß man sich jederzeit zur fachwissenschaftlichen und exakten Überprüfung sozialpolitischer Forderungen und Programme bereit finden werde.

Was die wirtschaftlichen Auswirkungen der Arbeitszeitverkürzung angeht, so ist nach Ansicht der Gewerkschaften ein Absinken der Gesamtproduktion nicht eingetreten. G. Kroebel (Düsseldorf) meinte sogar, daß die Hälfte der Produktionssteigerungen einer intensiveren Arbeitsleistung, die eben durch kürzere Arbeitszeit erzielt werden konnte, zuzuschreiben sei. Die volkswirtschaftliche Zuwachsrate ist nach seiner Ansicht durch die 45-Stunden-Woche nur sehr geringfügig beeinflußt worden. Denn jede Arbeitszeitveränderung im Betrieb werde durch andere Faktoren wie Maschineneinsatz, neue Produktionsverfahren oder eine Umgruppierung der Betriebsorganisation ausgeglichen. Sicher ist, daß wir über diesen Umstellungsvorgang noch zu wenig Erfahrungen besitzen, um seine langfristigen Auswirkungen verläßlich beurteilen zu können.

Wie beurteilt nun die Wissenschaft die Auswirkungen der Arbeitszeitverkürzungen auf wirtschaftlichem, sozialem und menschlichem Gebiet? Da stand zunächst einmal in einem Symposion von Ärzten, Psychologen, Soziologen und Volkswirtlern die Frage zur Debatte, ob durch eine Verkürzung der Arbeitszeit die sogenannten Aufbrauchkrankheiten vermindert oder sogar verhindert werden können. Am einfachsten läßt sich diese Frage für die vorwiegend körperliche Arbeit beantworten. Wie Professor Müller vom Max-Planck-Institut für Arbeitsphysiologie in Dortmund demonstrierte, liegt das beste Zeitverhältnis zwischen Muskelanspannung und Erschlaffung etwa bei 1 : 1. Durch jede Muskelkontraktion wird die Blutzufuhr gehemmt; es bedarf einer Regenerationspause. Jede Daueranspannung muß durch oft aufeinanderfolgende Pausen kompensiert werden. Arbeitsphysiologisch gesehen ist es am zweckmäßigsten, Schwerarbeit möglichst gleichmäßig über das ganze Jahr zu verteilen. Jede Konzentrierung schwerer Arbeit ist gefährlich. Man hat jedoch bei körperlichen Anstrengungen ein sicheres Barometer: Die Pulskontrolle ist eine zuverlässige Diagnose für zulässige oder übermäßige Beanspruchung. Entsprechend waren auch die Forderungen, die die Wissenschaftler für die Freizeit stellten. Bei 42,5 wöchentlichen Arbeitsstunden ist man von der Forschung her heute weitgehend damit einverstanden, diese in fünf Tagen erledigen zu lassen. Dagegen sind 48 Stunden, auf fünf Tage verteilt, in jedem Falle abzulehnen.

Anders sieht dagegen die Freizeitsituation bei Menschen aus, die nervlich und geistig stark beansprucht sind, kurzum bei den verantwortlichen technischen und wirtschaftlichen Führungskräften. Während bei körperlicher Erschöpfung die Erholung sofort mit Beginn der Pause einsetzt, sind bei nervlicher und geistiger Übermüdung oft erst eine vegetative Umstimmung und Übergangszeiten notwendig, bis die Erholung beginnt. Es ist eine alte Erfahrung, daß Muskeln sich schneller regenerieren als Nerven. Während es bei wesentlich körperlicher Arbeit auf den Feierabend ankommt, liegt der Schwerpunkt der Entspannung bei diesen Menschen auf dem Wochenende. Ein Psychologe machte den Vorschlag, daß Menschen, die in dieser Richtung besonders beansprucht sind, etwa alle vier Jahre einen mehrmonatigen Urlaub einschalten sollten.

Ausgiebig diskutierte man das Für und Wider der zusätzlich gewonnenen Freizeit. Gegenwärtig scheint es noch weitgehend so zu sein, daß als Kehrseite einer im Beruf unerfüllten Befriedigung diese mit übermäßigem Konsum ausgefüllt wird. Neuere Untersuchungen von Instituten, Betrieben, Gewerkschaften und kirchlichen Stellen deuten jedoch darauf hin, daß weitere Mußestunden nicht auf Sportplätzen und in Kinos verbracht werden. Es scheint – nachdem Kühlschrank und Fernsehempfänger angeschafft sind –, als ob sich das Freizeitinteresse wieder mehr der Natur und familiären Interessen zuwendet. Leo Nitschmann