H. v. V., Kairo, Anfang April

Die Deutsche Industrie-Ausstellung in Kairo darf für sich in Anspruch nehmen, eine der eigenartigsten ihrer Gattungen gewesen zu sein. Geplant seit vielen Jahren, immer wieder durch politische Ereignisse an der Durchführung verhindert, wurde sie im vergangenen Frühjahr endgültig beschlossen, um diesmal – trotz aller widrigen und sehr viel bedeutungsvolleren Geschehnisse – hier auf einem Trümmerfeld politischen Mißtrauens zu erstehen.

Politisches Mißtrauen steht am Anbeginn der Nahost-Krisen wie ja letzten Endes auch an der Wiege des großen West-Ost-Gegensatzes. Politisches Mißtrauen beherrscht auch heute die Atmosphäre in Kairo. Das Mißtrauen ist eine Folgendes alten Kolonialkomplexes der Araber, daß jede westliche Aktion letzten Endes mit politisch-militärischen Fußangeln gespickt ist, die nur dazu dienen sollen, die alte westliche Denkweise von Interessenpolitik, von Einflußphären und ähnlichem zu verschleiern. Die Bundesrepublik, selbst das kaiserliche Deutschland und das Dritte Reich sind mit solchen Begleiterscheinungen wirtschaftlicher Anwesenheit in diesem Raum nicht belastet. So war auch diese Industrieausstellung der Bundesrepublik ein natürliches, rein geschäftliches und unpolitisches Beginnen.

Als israelische Truppen die ägyptischen Grenzen überschritten, als britische und französische Fallschirmjäger über Port Said abgeworfen wurden, schienen die Ausstellungspläne endgültig gescheitert zu sein. Daß die westdeutsche Industrie trotzdem vor den erheblichen privaten Opfern nicht zurückschreckte, sondern mit großer Beteiligung die „Operation Tennisschuh“ – weil ohne (Geschäfts-) Absatz! – durchführte, war ein Beweis von weitsichtigem Kaufmannstum.

Daß die Ausstellung „ohne Absatz“ bleiben würde, der ja eigentlich der Sinn jeder Ausstellung ist, mußte und konnte den Ausstellern schon bei der Vorbereitung nicht verborgen geblieben sein. Die Divisenlage Ägyptens ist seit Jahr und Tag so angespannt, daß harte Währungen für den Import westdeutscher Waren kaum zur Verfügung stehen. Die politisch so reizvoll scheinende Rolle, Ost und West gegeneinander auszuspielen, hat Ägyptens Wirtschaft in eine Lage hineinmanöveriert, die zwar neue Käufer für die Baumwolle in den Ostblock-Ländern fand, dafür jedoch die alten europäischen Kunden zum großen Teil von der Baumwollbörse in Alexandrien vertrieb. Diese Fehler zu beheben, die alten Kunden wiederzugewinnen, ist heute Ägyptens größte Sorge.

Was also suchte eine gerade im Export voll ausgelastete deutsche Industrie auf diesem Nahostmarkt, den man (an den Umsätzen gemessen) beinahe einen „Nebenmarkt“ nennen könnte? Auch die kleineren Aussteller, die zum Teil sogar zum erstenmal im Osten auftraten, erklärten mutig: „Wir planen auf lange Sicht. Die Entwicklung dieser Länder ist nicht aufzuhalten. Dabei wollen wir gerne helfen, wir wollen dabei sein und verdienen!“ Ebenso hatte Berlin mit über 10 v. H. der ausstellenden Firmen seine Existenz als die größte Industriestadt des Bundes und als zukünftige Bundeshauptstadt eindrucksvoll dargestellt.

Diese Hilfsbereitschaft wurde auch von ägyptischer Seite stark empfunden und dankbar herausgestellt. Noch nie war Deutschland so in aller Munde; die bedeutendsten Leitartikler (wie u. a. Eduard Gallad im „Journal d’Egypte“) beschäftigten sich ausführlich und fortlaufend mit Westdeutschlands Problemen: Das „Deutsche Wunder“ war das Gespräch des Tages ...