Der Roman verlangt Distanz, geistige Überlegenheit und doch seelische Anteilnahme. Da uns aber Distanz und Überlegenheit so häufig fehlen, kommt es, daß viele Romane der Gegenwart nur ausgedehnte Erzählungen sind – wenn nicht gar das harte, karge Maß der Novelle zum dickleibigen Buch aufgeschwemmt wurde. Dies scheint geschehen zu sein bei dem als „bester englischer Roman dieses Jahres“ bezeichneten Buch:

L. P. Hartley: „Der Zoll des Glücks“, Roman, Verlag R. Piper & Co, München, übersetzt von Maria Wolff, 408 S., 14,80 DM.

Das Werk erweckt im Leser anfangs die Erwartung, daß ihm eine scharf gezeichnete Darstellung des zwanzigsten Jahrhunderts geboten würde, da der Held der Handlung, ein ergrauter Bibliothekar, nachdenklich „Sein Tagebuch für das Jahr 1900“ in die Hände nimmt und rückblickend wieder von der zukünftigen Herrlichkeit unseres Jahrhunderts träumt. Es ergibt sich aber, daß dieses Buch kein weit umspannender Roman unserer Weltzeit ist, sondern in geschmackvoller, ja poetischer Form das Erlebnis eines Knaben schildert, der, auf einem Landedelsitz zu Gast, von einem heimlichen Liebespaar, der Tochter des Schloßbesitzers Marian und einem Bauern, zu Rendezvous-Botschaften benutzt wird, bis man die Sache entdeckt und es zu einer menschlichen und gesellschaftlichen Katastrophe kommt. Der Liebhaber der Schloßbesitzerstochter erschießt sich, der mißbrauchte Junge verfällt in Fieberwahn; und so stark wirkt die Erschütterung seines Gemütes nach, daß er nie mehr zu einer eigenen freudigen und natürlichen Lebensbeziehung gelangt. Zum Schluß nimmt das Buch wieder die Rahmenhandlung des Anfangs auf. Der ältere Herr, der in „Seinem Tagebuch von 1900“ blätterte, findet auf jenem Schloß die schöne Marian als geiernäsige Großmutter. Wieder soll er für sie eine heimliche Liebesbotschaft übernehmen. Diesmal an ihren Enkel, der sich aus Scham und Schande über den damaligen Skandal von ihr abgewandt hat. Doch der Bote von einst begnügt sich heute mit einem telephonischen Anruf Das etwas melancholische Bild, das Hartley uns in seinem Buch zeichnet, entspricht fast genau seinem eigenen Lebensbericht.

Wenn er selbst zugibt: „Letzten Endes war es immer die englische Erzählung, die mir den höchsten Genuß bietet“, so kommt uns fast der Verdacht, daß nur ein irrender Verlag diese große und liebevoll ausgesponnene Erzählung zum Roman ernannte. Vom Leben dieses englischen Autors geht ein sanfter und dabei doch starker Zug des Moralischen aus, der sympathisch berührt. Auch paßt es vortrefflich zu der Vorstellung, die wir von ihm gewonnen haben, daß er von 1926 bis 1939 jährlich mehrere Monate in Venedig zubrachte, um dort eine Gondel zu rudern.

Dieser poetische Gondoliere englischer Abstammung, seelisch beheimatet in Venedig, verlangt uns mit seinem Buch „Zoll des Glücks“ einen beträchtlichen Zoll Achtung ab vor seiner menschlichen und dichterischen Kultur. Doch nimmt er uns nicht mit auf eine Bootsfahrt über einen Strom. Große Ströme, große Romane sind selten. Ilse Langner