Einen Einblick in gewisse Marktusancen eines Teiles des Handels bot jetzt ein Gespräch mit führenden Männern der deutschen Drahtindustrie anläßlich der Jahresversammlung der Fachvereinigung Draht e. V., der Spitzenorganisation der sieben Fachverbände der Drahtindustrie. In ihr sind rund 400 Draht (und Drahterzeugnisse) herstellende Firmen zusammengefaßt. In dem Jahresbericht der Fach Vereinigung für 1956 so wie in einem Informationsgespräch wurde darauf hingewiesen! daß sowohl die Inland- wie auch die Exportpreise für die Werke nicht befriedigend seien.

Die Kapazitäten der Hersteller von gezogenem Draht und vieler Drahtfertigungserzeugnisse könnten als etwas übersetzt angesprochen werden. Der Preis (für Massenerzeugnisse) liege fast an der Selbstkostengrenze. Dabei sei das Geschäft der Menge nach durchaus befriedigend. Für alle Werke sei die Tendenz der rückläufigen Rendite und der schrumpfenden Liquidität erkennbar. Die Preise seien so scharf kalkuliert und vielfach so unzureichend, daß bereits in beachtlichem Umfange Betriebsumstellungen auf andere Erzeugnisse oder Konkurse in der Branche vorkämen.

Auf den Hinweis, daß für den Verbraucher das Marktbild völlig anders aussehe, da er seit etwa Jahresfrist einer teilweise recht erheblichen Preissteigerung bei den verschiedensten Artikeln der Draht- und Drahtfertigungsindustrie ausgesetzt sei und daß von der vor einigen Monaten vorgenommenen Halbierung der Zölle auf jetzt 8 bis 12 und 15 v. H. nichts zu spüren gewesen sei, erklärten Vorsitzer und Geschäftsführer und weitere Mitglieder des Präsidiums der Spitzenorganisation: „Der Handel hat die von der Produktion in vollem Umfang weitergegebenen Preisnachlässe für sich einbehalten und nicht an den Verbraucher weitergegeben. Er hat den gesamten Zollsenkungsbetrag vereinnahmt. Dies haben wir durch zahllose einwandfreie Teste von Flensburg bis Basel in ungezählten Fällen beweiskräftig festgestellt.“ Das steht also in einem eklatanten Widerspruch zu der Erklärung, die der Präsident der Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels kürzlich abgab: der Einzelhandel werde („im Wahljahr 1957“) die Politik des Bundeswirtschaftsministers unterstützen und alles versuchen, „um die Preise stabil zu halten“.

Hier die Tatsachen: Drahtstifte oder Nägel haben nach Aussagen des Fachverbandes einen Ab-Werk-Preis, d. h. einen Einkaufspreis für den Fachhandel, der zwischen 55 und 60 Pfennig je Kilo liegt. Im Fachhandel kostet nach der „Veredelung“ – d. h. nach dem Umpacken der handelsüblichen Ab-Werk-Menge in Großpackungen (Verbraucher z. B. Bauhandwerk) – das gleiche Kilo rund das Fünffache, nämlich 2,50 DM; und die Haushaltspackung zu 125 Gramm kostet 40 bis 60 Pfennig, das Kilo demnach rund 4 bis 5 DM, also etwa das Zehnfache. Auch dieser Tatbestand zeigt, daß die Preisdiskussion der Öffentlichkeit immer und immer wieder von einer falschen „Optik“ ausgeht: Sie nimmt die Verbraucherpreise in der Konsumsphäre und identifiziert sie mit den industriellen oder handwerklichen Fertigungspreisen.

In der Diskussion mit den Drahtindustriellen wurde erklärt, daß die 400 Betriebe „praktisch machtlos der Allgewalt des Handels gegenüberstünden“. Sie hätten keinerlei Einfluß auf dessen Preispolitik. Einer der mittleren Fabrikanten sagte: „Wenn ich einem Händler Vorschriften machen würde, kann ich morgen meinen Betrieb schließen, weil mich der gesamte Handel boykottieren würde...“

Unter Berücksichtigung dieser Marktsituation bekommen die Klagen der Drahthersteller und ihre Forderungen nach einem starken Zwangskartell zum Schutz der mittelständischen Betriebe ihr Gewicht. – Die deutsche Drahtindustrie erzeugte auf der Grundlage einer großindustriellen Walzdrahterzeugung von 1,44 (i. V. 1,36) Mill. t und einem Walzdrahtimport von 207 000 t in 1956 Eisen- und Stahldrähte über 1,05 (1,02) Mill. t und Drahtfertigungserzeugnisse von 0,6 (0,56) Mill. t. Von der Gesamt-Drahterzeugung von rund 1,6 Mill. t gingen etwa 20 v. H. aller Lieferungen in den Export, was völlig unbefriedigend ist und nicht entfernt den Vorkriegsverhältnissen entspricht. Der Wertumsatz erreichte 1,2 Mrd. DM (1,1), davon entfielen 900 Mill. auf das Inland- und 300 Mill. DM auf das Auslandgeschäft. Das neue Jahr hat mit einem Auftragsbestand von 285 000 t begonnen; dabei ist das Inland um 30 000 t rückläufig, der Export um 33 000 t gestiegen. Die vorhandenen Kapazitäten sind zurzeit etwa mit 80 bis 90 v. H. ausgenutzt. Rlt.