Erzählung von Marianne Eichholz

Wie sieht eigentlich die Welt aus, wenn du siebzehn Jahre alt bist? Nimm mal an, du hast Angst und bist verzweifelt und du stehst vor einer Normaluhr. Dann sieht sie doch aus wie ein böser Mond. Der Zeiger ist ein Richtschwert, die Ziffern sind der Block; steht der Zeiger auf zwölf, fällt die Entscheidung.

Wenn du siebzehn bist und du hast wochenlang vor Geschichtsbüchern gesessen, hast Zahlen und Päpste, Könige und Städte, Feldherren und das alles zusammengelesen und aufgeschrieben, die weißen Seiten haben sich in eine Sicherheit verwandelt, in eine Zwei in Geschichte und die Versetzung kann dir keiner mehr nehmen, und dann ist das Heft mit den Aufzeichnungen auf einmal weg.

Dann ist das genauso, als wenn ein vierzigjähriger Familienvater vom Chef seine Entlassung bekommt. Und du stehst vor der Normaluhr und hast einfach keine Lust mehr zum Leben. Höchstens noch eine Zigarette. Fingerst sie aus der Jackentasche, schiebst sie in den Mund, greifst nach dem Feuerzeug, findest es nicht. Sprichst einen Mann um Feuer an, du machst einen tiefen Zug. Der Rauch in Mund und Kehle lenkt dich ab, natürlich kein Lungenzug, hast du ja dem Vater versprochen. Aber in der Oberprima, da wolltest du den ersten Lungenzug machen. – So, nun bist du wieder beim Thema.

Wie sah denn das Heft aus? fragt die Mutter. Gereizt antwortest du, das weißt du doch, blau, es steht kein Name drauf. Und Mutter und Vater und Schwester laufen durch die Wohnung, fünf Zimmer, Bad, Küche, Flur und Balkon. Sie machen eine regelrechte Haussuchung, wie die Polizei. Sie finden einen Zwanzigmarkschein und ein altes Brotchen, sonst nichts... Spät abends schläfst du trotz des bohrenden, unbehaglichen Gefühls doch zuletzt ein. In deinem Jungenzimmer brennt noch der Kerzenstummel, den du nicht gelöscht hast, und das gelbe Licht scheint auf das Bild mit dem Afrikaforscher Dr. Carl Peters, wie er auf seinem Hausboot den Sambesi abwärts gleitet, das Gesicht ernst und mit einem Bartwald bedeckt. Krokodile stecken ihre Köpfe aus den Wellen. Eins davon ist so dicht am Boot, daß du früher immer fürchtetest, es würde das Boot umstoßen, aber dann kamen Zeiten, in denen du das Bild nicht mehr so oft betrachtetest. Später kamen auch ein Photo von Louis Armstrong und eins von einem Mädchen mit mandelförmigen Augen dazu.

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Der Junge, dessen dunkles Haar in dem Kerzenlicht schimmerte, war Karl getauft worden, nach Karl Peters, dem Urwaldforscher. So ein Name verpflichtete, und seit Karl über die Sandkiste gucken konnte, hatte er sich überlegt, ob dieser Karl Peters wirklich sein Vorbild sein könnte? Wo doch alle Urwälder entdeckt waren. Was konnte man denn noch tun als Mann? Wozu auf der Welt würde man gebraucht werden? Aber der Vater sagte immer: mach mal erst das Abitur. Vorher brauchst du dir über das andere keine Kopfschmerzen zu machen.