Lange Jahre haben Politiker und Wirtschaftler von dem glückhaften Zustand der Vollbeschäftigung geträumt. Tatsächlich hat er auch Wohlstand, hohe Löhne, einen blühenden Außenhandel und damit ein Angebot von Gütern aus aller Welt gebracht. Aber sorgenfrei sind wir darüber nicht geworden. Zum Erstaunen selbst der Nationalökonomen ist nämlich festzustellen, daß viele; von dem, was bisher als Tugend galt, nun ein Übel geworden ist und daß eine ganze Reihe von wirtschaftspolitischen Methoden, die bisher mit Erfolg angewandt wurden, nicht mehr zum Guten, zur Harmonie, sondern zum Gegenteil – zu Anspannungen, Überhitzungen und Geldentwertungen – führt.

Hat sich also im Wesen unserer Wirtschaft mit dem Erreichen der Vollbeschäftigung etwas geändert? Das ist in der Tat so. Um dies zu erkennen, führt man sich am besten rückschauend vor Augen, wie die Dinge etwa zu Anfang 1950 aussahen Damals gab es ein Millionenheer von Arbeitslosen. Viele hatten zwar Arbeit gefunden, saßen aber an Plätzen, an denen sie ihre Fähigkeiten nicht entwickeln konnten. Die Werke liefen noch längst nicht wieder auf vollen Touren. Überall gib es ungenutzte Kapazitäten. An anderen Stellen kannten durch Ergänzung der vorhandenen Einrichtungen mit relativ wenigen Mitteln zusätzlich Kapazitäten geschaffen werden. So kam es damals vor allem darauf an, die Wirtschaft wieder voll in Gang zu bringen. Mit jedem neuen Beschäftigten wuchs nämlich nicht nur die Produktivität, sondern auch, weil der einzelne mehr Geld verdiente, die Nachfrage nach Gütern. Mochte die Wirtschaft ruhig einmal unorganisch wachsen: nach wenigen Monaten hatte sich alles wieder auf einem höheren Niveau ausgeglichen. Wichtig war nur, daß genügend Geld vorhanden war, damit die Betriebe mit der Realisierung ihrer Planungen beginnen konnten. Geld aber schafften die Banken durch die Einräumung von Krediten. Bei der sich ausdehnenden Wirtschaft wuchs so die Summe der Zahlungsmittel von Jahr zu Jahr. Das aber hatte keine inflatorischen Folgen, weil ständig mehr und größere Zahlungen zu leisten waren. Die expandierende Wirtschaft absorbierte das neugeschaffene Geld.

Für die Notenbank kam es damals darauf an, Geld und Warenangebot in Einklang miteinander zu halten, damit jede inflationistische Entwicklung vermieden werde. Das war nicht besonders schwer, weil die Notenbankpolitik im großen und ganzen von der Wirtschaft und der Öffentlichkeit unterstützt wurde. Alle hatten von ihr Vorteile. In den Aufbaujahren war die Kreditversorgung der Industrie gut. Es wurden von den Banken nicht nur die laufenden Geschäfte finanziert, sondern auch weitgehend Investitionen, sofern nur die notwendigen Kreditsicherheiten beigebracht werden konnten. Das war auch im allgemeinen der Fall; die Wirtschaft verdiente ja gut. Die Rationalisierungserfolge, die auf die bessere Ausnutzung vorhandener Kapazitäten zurückzuführen waren, verblieben bei einem im großen und ganzen stabilen Preisniveau im Bereich der Unternehmen. Wenn sie hier auch laufend durch die eigene Arbeiterschaft, die sich mit ihren Lohnforderungen leicht durchzusetzen vermochte, abgeschöpft wurden, so blieb dennoch, schon allein aus dem Zeitverzug, für eine Selbstfinanzierung genügend übrig. Das war um so mehr der Fall, als auch unser Steuerrecht durch eine ganze Reihe von Sonderbestimmungen die Vornahme von Investitionen privilegiert.

Das Wirtschaftssystem war also die ganzen Jahre über auf Expansion eingestellt. Das entsprach der Situation, denn die notwendigen Voraussetzungen hierfür waren durch das Vorhandensein großer Arbeitsreserven und nicht ausgenutzter Kapazitäten gegeben. Übersehen wurde damals allerdings, daß das alles nicht von Ewigkeit sein konnte, und daß sich das Tempo eines Tages erheblich verlangsamen mußte. Deshalb kam es zu der Vorstellung vornehmlich der Politiker, daß man der Bevölkerung auf die Dauer soziale Sicherheit und einen ständig sich kräftig verbessernden Wohlstand zugleich bieten könne. Das wurde geradezu als eine Art Glaubensartikel verkündet und als

Grundlage der „geistigen Auseinandersetzung mit dem Osten. Der im letzten Grunde rein materialistische Glaube, man könne die Menschen schon allein dadurch glücklich und zufrieden machen, daß man ihnen von Jahr zu Jahr mehr Verbrauchsmöglichkeiten bei leichterer Arbeit bietet, war die Antwort auf die Frage, wie „der Westen“ gegen die östlichen Ideologien zu immunisieren sei – und das eigentliche Zentralproblem, die Verteidigung der freiheitlichen Gesinnung, trat demgegenüber in den Schatten.

Diese Haltung wurde auch nicht revidiert, als die Vollbeschäftigung erreicht war. Die jetzt von den für die Wirtschaftspolitik verantwortlichen Männern erhobene Forderung nach Maßhalten zündete nicht. Man berauschte sich statt dessen an den eine weitere Expansion versprechenden Prophezeiungen der Techniker, die unter den Schlagworten Automation, Elektronentechnik, Atomenergie usw. propagiert wurden. Dabei wurde geflissentlich übersehen, daß eine auf vollen Touren laufende Wirtschaft diese schönen und teuren Einrichtungen nur zu schaffen vermag, wenn vorher auf andere Dinge, wie Konsumgüter und weniger wichtige Investitionen, verzichtet wird. In der Volkswirtschaft ist es nun einmal nicht anders wie in einem jeden privaten Haushalt: man kann das Haus nicht bauen, bevor man sich nicht die Steine beschafft hat. Dazu aber braucht es Geld. In der Aufbauzeit konnten das die Banken „schöpfen“, weil dieses Mehr in kurzer Zeit von der sich ausdehnenden Wirtschaft verdaut wurde, ohne daß es darüber zu einem „Kaufkraftüberhang“ kam. Seitdem die Vollbeschäftigung erreicht wurde, ist das anders; hier führt jedes übermäßige Mehr an Geld zu Preiserhöhungen, schleichender Inflation und Spannungen, einfach weil mehr nachgefragt als produziert wird.

Hier liegt das eigentliche Problem, von dem niemand etwas wissen will, „weil nicht ist, was nicht sein darf“. Es bewahrheitet sich jetzt wieder die alte Regel, daß man nicht langfristige Investitionen kurzfristig finanzieren kann, ohne darüber in Schwierigkeiten zu geraten. Deshalb sehen jetzt die Dinge nicht mehr anders aus als zu Großvaters Zeiten; jetzt muß zuerst gespart werden, bevor neue Häuser und Fabriken gebaut werden können. Unsere Großväter haben nämlich gar nicht falsch gedacht. Auch sie lebten in einer Zeit, in der es keine Arbeitslosen und stillstehenden Fabriken gab. Nur eines war damals anders als heute; im großen und ganzen wurde damals das Geld nicht von den Banken „geschöpft“, sondern, als Gold aus dem Boden gegraben. Das war eine Bremse, die wir nicht mehr besitzen; heute muß sie durch den harten Willen der Notenbank und durch die volkswirtschaftliche Einsicht der politischen Instanzen ersetzt werden. Das erste ist vorhanden, das zweite fehlt.