Vor 55 Jahren versuchte ein großer englischer Staatsmann, Joseph („Joe“) Chamberlain, die Weichen der englischen Geschichte von splendid Isolation auf Partnerschaft, von Rivalität auf Freundschaft umzustellen mit dem kühnen Vorschlag eines deutsch-englisch-amerikanischen Bündnisses, das den Frieden im 20. Jahrhundert ebenso garantieren sollte wie die Heilige Allianz im 19.

Aber das Echo dieses Vorschlags war damals in Deutschland und in England zu schwach. Neville Chamberlain, der Neffe des „großen Joe“ hatte zwar mit seinem „Frieden in unserer Zeit“ bei seinen Zeitgenossen mehr Glück, aber leider war sein Bündnispartner Hitler. Militärisch und politisch sind Deutschland und England heute Freunde, aber auf wirtschaftlichem Gebiet bewegt sich das Denken, jedenfalls in England, häufig noch in den Gleisen der Rivalität.

In einem mißvergnügten Leitartikel beschäftigte sich erst kürzlich wieder die Londoner Times mit der deutschen „Exportoffensive“ in Asien und Afrika. Es wurden sämtliche Reisen prominenter Bonner Politiker in diese Länder aufgezählt: Adenauer (Persien), Hallstein (Japan), Blücher (Pakistan), Brentano (Australien und Indien), Strauß (Türkei). Aber es wurde vergessen zu sagen, daß Minister Erhard nicht zur Eröffnung der Deutschen Industrie-Ausstellung nach Kairo flog, obwohl seine Absage, wenige Tage vor der Ausstellung, in Ägypten einen sehr schlechten Eindruck machte. Die Times verliert auch kein Wort über Adenauers Reise nach Paris im Augenblick des englisch-französischen Angriffs auf Ägypten, oder über seine Weigerung, Sanktionen gegen Israel mitzumachen, die niemals beschlossen wurden, eine „Vorleistung“, die bei den Arabern Befremden hervorrief.

Ein so gut unterrichtetes Blatt wie die Times weiß natürlich all dies. Es weiß, daß man Bonn wirklich nicht vorwerfen kann, aus dem „kommunistisch unterstützten Anti-Kolonialimus“ in Asien und Afrika oder aus der Suez-Krise zum Schaden seiner Verbündeten Kapital geschlagen zu haben. Ein Wort der Anerkennung für diese mit erheblichen wirtschaftlichen Opfern verbundenen Beweise der Bundestreue wäre eher am Platz gewesen, als mißtrauische und unfreundliche Randbemerkungen zu den in ihrer handelspolitischen Bedeutung weit überschätzten deutschen Höflichkeitsbesuchen im Nahen und Fernen Osten. Gewiß, verstehen kann man, daß die Fortschritte der deutschen Exporteure in den Ländern, die bis in die jüngste Vergangenheit englische Domänen waren, in London schmerzliche Empfindungen hervorrufen. Aber was will London oder was soll Bonn dagegen tun? – Was meint die Times mit dem Schlußwort ihres Artikels: „In all dem liegt eine Lehre für die britischen Minister und Exporteure?“ – Faßt man dies „in all dem“ weit genug und denkt man bei denen, die eine Lehre nötig haben, nicht nur an Minister und Exporteure, sondern an das ganze englische Volk, dann liegt darin wirklich eine beherzigenswerte Mahnung. Die Mahnung, einmal darüber nachzudenken, wie es kam, daß die jahrhundertealte deutsch-englische Freundschaft vor rund fünfzig Jahren plötzlich zu Ende ging und zum Unglück beider Völker und ganz Europas in Feindschaft umschlug.

War es die traditionelle Furcht Englands vor der jeweils stärksten Kontinentalmacht? War es das Trauma der preußischen Soldatenstiefel auf den Pariser Boulevards im Jahre 1871, das Männer wie Duff Cooper und Vansittard, Churchill und Lord Salisbury zeitlebens nicht ganz überwunden haben? Waren es die Krüger-Depesche und die Kriegsschiffe und die Taktlosigkeiten Kaiser Wilhelms, oder war es die Rivalität auf den Weltmärkten?

Zum Verhängnis beigetragen haben alle diese Dinge, aber keines von ihnen war schicksalshafte Notwendigkeit. Es gibt zwar die Behauptung, der deutsch-englische „Kampf um die Weltmärkte“ habe eine kriegerische Auseinandersetzung unvermeidlich gemacht; aber gegen sie spricht – sehr überzeugend scheint uns –, daß die „Rivalen“ in den Jahren vor 1914 miteinander mehr Handel trieben, als auf den sogenannten Weltmärkten, und daß sich beide sagen mußten; daß bei einem Krieg um Weltmärkte aller Voraussicht nach lachender Dritter die Neutralen sein würden. Es ist ganz einfach nicht wahr, daß der Tod des deutschen Exports neues Leben für den englischen bedeuten würde und umgekehrt. Im Gegenteil, überall, wo gekauft und verkauft wird, ist das Brot des anderen auch mein Brot. Trotzdem spukt dieses böse Wort noch immer in vielen Köpfen. Es stand Pate bei der Politik der Reparationen und Demontagen und bei den vielen Versuchen, der deutschen Exportindustrie – die Flügel zu stutzen. Ein Glück für England, daß dieser Versuch auch diesmal mißlang, denn sonst hätte Deutschland heute kein Geld für Stationierungskosten oder andere Freundschaftsabgaben an seine Besieger und Bundesgenossen.

Aber der Argwohn gegen den deutschen Exporteur ist nicht verschwunden. Deutsche Hafenanlagen: in Ägypten, deutsche Ölleitungen in Persien, deutsche Kraftwerke in Pakistan sind heute noch den Engländern ein Dorn im Auge. Aber, so möchte man fragen, wäre es besser, wenn diese Anlagen von der Sowjetunion erstellt würden?