Die organisierten Briefmarkensammler haben ihren „Feind Nr. 1“ verloren. Als Bundesatomminister Balke das Postministerium seinem Nachfolger Lemmer übergab, sprach er, enttäuscht von der Aufnahme seiner deutschen Briefmarkenreform, die Hoffnung aus, auch sein Nachfolger sei hoffentlich überzeugt, es gäbe wichtigere Dinge als Briefmarken. Dennoch war es kein Geringerer als Bundeskanzler Adenauer, der bei der Amtseinführung Ernst Lemmers sagte: „Nun seh’n Se mal zu, daß wir endlich anständige Briefmarken kriegen.“ Fand Adenauer, daß Balkes Sondermarken unanständig waren? Oder soll Lemmer mutig den Weg weitergehen, den Balke mit der Einsetzung eines Kunstbeirats der Deutschen Bundespost bestritten hatte? Ernst Lemmer jedenfalls hat sofort in der Briefmarke das „interessante“ Moment seines Ressorts erkannt.

Aber es hat auch schon Krach gegeben, als nämlich Bundesminister Lemmer von der „Geschmacklosigkeit“ unserer Briefmarken sprach. Er meinte vorerst zwar nur die Rückseite. Auf den Zehn-Pfennig-Marken ist inzwischen der Gummierung Pfefferminzgeschmack beigemischt worden. Lemmer will „noch viel raffiniertere“ Geschmacksbeimischungen einführen. Für die Formgebung der Vorderseite fand der Minister aber den von seinem Vorgänger eingesetzten Kunstbeirat vor. Diesem hatte Balke aus Achtung vor der Selbstverantwortlichkeit von sechs bedeutenden und anerkannten Künstlern, die zusammen mit zwei Bundestagsabgeordneten den Beirat bilden, die freie-Entscheidung über die Graphik überlassen, Lemmer nun löste einen Jubelschrei aus, der in allen Philatelistenzeitschriften widerklang, als er sich selbst die letzte Entscheidung über neu herauszugebende Briefmarken vorbehielt, als er den Kunstbeirat in eine beratende Funktion abdrängte. Lemmers erste Äußerungen über die deutschen Briefmarken, verglichen mit den Wertzeichen anderer Länder, waren nicht sehr schmeichelhaft für die Bemühungen des Kunstbeirats. So bot dieser seinen Rücktritt an. Es bedurfte der persönlichen Vermittlung des an allen künstlerischen Fragen interessierten Bundespräsidenten Heuss, um zwischen dem neuen Minister und seinen graphischen Fachleuten ein Junktim herzustellen.

In einem Frankfurter Funkinterview hat Lemmer anläßlich der Europäischen Posttagung gesagt, er wolle sich „mit größtem Ernst bemühen, daß wir zu einem Stil kommen, der nicht nur von einer kulturell sehr anspruchsvollen Oberschicht gebilligt werden kann, sondern auch, ohne Kitsch zu sein, auf dem Briefmarkenmarkt eine starke und zustimmende Resonanz findet.“ Nach dem Bericht eines Münchener Philatelistenblattes, „Der Deutschlandsammler“, betonte der Minister auf einer Pressekonferenz in Berlin, „als Demokrat“ sei er „der Anschauung, mit der Mehrheit der Geschmacksrichtung gehen zu müssen“.

Dieses Wort verlangt, geprüft zu werden. Welchen Geschmack vertritt denn die vermeintliche Mehrheit? Es handelt sich in Wirklichkeit nur um eine in Sammlerbünden organisierte Interessentenschar. In einem anderen Philatelistenblatt, „Der Sammlerdienst“, lesen wir über die vom Kunstbeirat geformten Zeichen: „Man sah mit Recht in den kritisierten Marken eine avantgardistische Provokation des gesunden Volksempfindens.“ Da haben wir es also wieder, das „gesunde Volksempfinden“ – wie einst... Nun erheben sie wieder ihr Haupt, die Massen, nun argumentieren sie „demokratisch“, daß „diese Herren Kunst anders sehen als die Mehrzahl des Volkes“, und fordern: „Man schaffe Briefmarken, die dem sauberen Geschmack (!) der vielen Millionen Postkunden gerecht werden.“ Gegen diesen „sauberen Geschmack“ wird die „Geschmacksdiktatur“ eines „künstlerischen Areopags“ gestellt. Nur wissen diese Posaunenbläser so wenig von Werk und Persönlichkeit der Künstler, die unter Emil Preetorius den Kunstbeirat bilden, daß diese über jeden Qualitätsstreit erhabenen Männer und Frauen als „hypermoderne Graphiker“ angesprochen werden. Man hat ihnen Picassos Selbstentlarvung entgegengehalten, der sich einmal darüber lustig gemacht hat, wie er durch „Gehirnspielereien... schnell berühmt und reich“ geworden sei, weil er „die Dummheit, Eitelkeit und Begierde der Mitmenschen ausnutzte“. Nein, für so dumm wollen sich unsere demokratischen Philatelisten nicht verkaufen lassen. „Der Sammlerdienst“ bezeichnet es als „eine sträfliche Anmaßung ..., die .ungebildete Plebs’ zu wahrem Kunstverständnis zu erziehen“; das schlägt nach Sammlermeinung „auch allen demokratischen Grundsätzen ins Gesicht“. Zu dieser Forderung, Massenwünsche, und seien es die schlechtesten, zu erfüllen, schreibt eine westdeutsche Tageszeitung: „Das Maß ist, voll. Wir fordern: Der Kunstbeirat muß weg... Wir wollen nicht, daß in der Bundeshauptstadt selbstherrlich ‚Markenpolitik‘ getrieben wird. Erheben wir – im Wahljahr – gemeinsam unsere Stimme. Andere Interessentengruppen haben in diesem Jahr ganz andere Forderungen durchgesetzt.“

Die „Interessentengruppe“ Briefmarkenhandel wird also nicht zulassen, daß Lemmer zur Ruhe kommt. Es geht ja um die Millionenumsätze eines Handelszweigs, der seine internationale Konkurrenzfähigkeit bedroht sieht, wenn in Deutschland „von oben her“ ein besserer Geschmack gepflegt wird, als er dem „gesunden Volksempfinden“ im Augenblick entspricht. „Briefmarken bringen nur dann Devisen für das Ausgabeland, wenn sie als Sammlerobjekte auch bei dem Millionenheer von Philatelisten in aller Welt beliebt und gesucht sind.“ Mit diesen deutlichen Worten läßt die Händlerschaft erkennen, worum es ihr geht. Der deutsche Kunstbeirat kann zwar darauf hinweisen, daß alle deutschen Markenausgaben in jeder Auflagenhöhe stets verkauft worden seien. Und betreten, sich selbst widersprechend, müssen auch die Philatelisten einräumen, „daß dem Verkauf und dem Verbrauch von Marken grundsätzlich andere Gesetze des Handels zugrunde liegen, die mit Beliebtheit nichts zu tun haben“. Wenn das aber so ist, warum dann die Kampagne gegen den guten Geschmack?

Vielleicht findet Ernst Lemmer über all diesem Geschrei doch die Ruhe zu der sachlichen Überlegung, ob er ein staatliches Hoheitsrecht, das Postregal, soweit es die Ausgabe von Briefmarken betrifft, nach den Wünschen einer händlerischen Interessentengruppe oder in Verantwortung vor dem guten Geschmack zu verwalten gedenkt. Es ist eine der wenigen kulturellen Möglichkeiten, die mangels eines Bundeskulturministeriums die Bundesregierung besitzt, um, wenn sie selbst nur weiß, was sie will, schließlich eine breite Wirkung in geschmacklicher Hinsicht zu erzielen. Der ehemalige Journalist Lemmer weiß, daß Protestbriefe stets von einer Minderheit der Unzufriedenen kommen. Man denke also auch an die Mehrheit der schweigend Zustimmenden. Ihnen bietet der Kunstbeirat der Bundespost eine Gewähr für die gute Form der deutschen Briefmarke, der unscheinbaren Visitenkarte eines Landes. Johannes Jacobi