Zu Erzählungen von Gerd Gaiser, Hans Bender, Ilse Aichinger und Dino Buzzatti

Von Paul Hühnerfeld

Wer die kurze Form in der Prosa liebt, kann in diesem Jahr auf eine reiche Auswahl neuer Bücher hoffen. Hermann Kesten hat bei Kiepenheuer & Witsch eine Anthologie deutscher Erzähler zusammengestellt, Edgar Allan Poes schönste Novellen sind soeben im Verlag Der Greif, Wiesbiden, neu übersetzt herausgekommen; in den kleinen Buchreihen deutscher Verlage liest man als Neuerscheinungen so ausgezeichnete Arbeiten wie die „Serpentinen“ von Leopold Sievers die „Rückkehr ins Paradies“ von Erich Landgrebe (beide bei Bertelsmann, Gütersloh) oder die Erzählung „Napoleon war ein kleiner. Mann“ von Reinhard Federmann (bei Langen-Müller, München). Die jahrelang bei uns so vernachlässigte kurze Form scheint nicht nur beim Leser, sondern auch beim Verleger plötzlich wieder beliebt zu werden. Halten wir uns nicht mit den Gründen dafür auf, freuen wir uns an der Tatsache und zeigen an, daß nun auch arrivierte deutsche Autoren ihren Verlegern den längst fälligen Sammelband ihrer in Zeitschriften und Zeitungen zerstreuten Novellen haben abtrotzen können. So zum Beispiel:

Gerd Gaiser: „Einmal und oft“, Erzählungen, Carl Hanser Verlag, München; 280 S., 13,80DM.

In der Tat ist ein solcher Band Erzählungen gerade mit einem Autor wie Gaiser, der mit seinen Romanen „Eine Stimme hebt an“ und „Die sterbende Jagd“ berechtigtes Aufsehen erregte, geeignet, deutlicher noch als im Roman das Können des Autors und die Grenzen dieses Könnens genau abzustecken. Nach einem gelungenen oder mißlungenen Roman ist über einen Schriftsteller im Grunde noch nicht viel zu sagen: er hat ein Thema bestanden oder nicht bestanden. Anders bei mehr als einem Dutzend Geschichten: da wird sichtbar, was der Schriftsteller alles in den Griff bekommt und was ihm prinzipiell verschlossen bleibt.

Nehmen wir’s gleich vorweg: Der Rang, den Gaiser sich mit seinen Romanen erschrieben hat, bleibt auch nach den Erzählungen bestehen: dieser Mann ist ein zurückhaltender, alles Grelle vermeidender Schriftsteller von fairer, nobler Gesinnung. Und oft reicht die schätzenswerte Haltung des Autors aus, eine Erzählung sozusagen auf anständige Art zu bestehen: da gibt es ein kleines Stück Prosa in diesem Buch, „Kahle Weihnacht“ betitelt, über ein paar Seiten eigentlich nichts anderes, als daß sich am Heiligen Abend ein deutscher und ein italienischer Offizier im Krieg in Italen begegnen, sich kurz grüßen und im einsetzenden Schneegestöber einander wieder aus den Augen verlieren. Wie das vom Erzähler reflektiert wird – das ist echt. Geborgenheit erfüllt für einen Moment den Leser, hergezaubert durch drei, vier verdichtete Sätze.

Es liegt auf der Hand, daß Lauterkeit der Gesinnung allein nicht immer die Erzählung tragen kann. Da, wo Gaiser zu dramatischem Stoff ausholt – zum Beispiel in der ersten Novelle „Gianna aus dem Schatten“, gibt es zeilenweise Leerlauf, der freilich für den Autor typisch scheint. Die Fabel ist aufregend genug: ein deutscher Ingenieur fährt zehn Jahre nach dem Krieg mit seiner Frau, die er nicht liebt, nach Italien, Die Frau schlägt einen Ausflug in ein einsames Dorf vor. Auf dem Weg dahin findet das Ehepaar, das bisher keins war, endlich zueinander. Da begegnet dem Mann Gianna, eine Partisanin aus dem Krieg, deren Kameraden durch die Hilfe des Ingenieurs damals getötet wurden. Gianna schießt auf den Mann. Nach dem Schuß ist ihre Rache beendet. Sie holt einen Arzt – sehr fein läßt Gaiser es offen, ob der deutsche Ingenieur die Verwundung überstehen oder sterben wird.