Im Unheil die Stimme erhoben

August Winnig zum 79. Geburtstag: als Politiker begonnen, als Dichter gestorben

Von Friedrich Hielscher

Der Schriftsteller und Politiker August Winnig wäre am 31. März dieses Jahres 79 Jahre alt geworden. Als er starb, am 3. November 1956, hinterließ er der Nachwelt eine ganze Reihe Schriften, in denen er Rechenschaft zu geben versucht über seine inneren und äußeren Wandlungen, so vor allem "Frührot", "Vom Proletariat zum Arbeitertum", "Der weite Weg" und zuletzt "Aus 20 Jahren". Des Werkes und der Persönlichkeit dieses außergewöhnlichen Mannes zu seinem 79. Geburtstag zu gedenken, hat sich Friedrich Hielscher, der einer der wenigen Kenner August Winnigs ist, zur Aufgabe gemacht, und wir haben ihm für seine Widmung gern diesen Platz zur Verfügung gestellt.

Zu Hölderlins Zeiten gab es schon keine Könige mehr. Heute sterben bereits die Väter aus während die Metterniche und die Talleyrands allenthalben wimmeln. Wie mag ein väterlicher Mensch, welcher in ihre Welt verschlagen worden ist, sich zurechtfinden, gesetzt, daß ihn kein noch unangetastetes Amt oder Herkommen schirmt, gesetzt also, daß er dieser Zeit preisgegeben ist?

Er wird den Weg von der Aufklärung zur Metaspyhsik wählen: vom Praktischen, wie es das 19. Jahrhundert verstand, zum Kultischen, von der ratio zur religio, von der Politik zum Geiste, vom Verdienste also zur Kunst, zur brotlosen, wie jenes Jahrhundert mit schöner Offenheit gesagt hat. Diesen Weg ist August Winnig gegangen, der als Politiker angefangen hat und als Dichter gestorben ist. Vielen helfend, nicht durch seine Lehre, denn das ist die Art der Väter nicht, sondern durch sein Beispiel.

Die Zeugen dieses Weges sind die Werke: bis 1924 solche des äußeren, von 1924 an solche des inneren Zugreifens, bis 1924 also organisierende und organisierte, die mit dem Verstände gebaut sind, von 1924 an im Geiste gewachsene; vorher ausführende Arbeit, jetzt lenkender Gedanke.

1905 leitet Winnig den "Grundstein" in Hamburg, die Fachzeitschrift der Maurergewerkschaft, 1910 behandelt er den großen "Kampf im deutschen Baugewerbe", 1915 den "Weltkrieg vom Standpunkte des deutschen Arbeiters", 1917 den "englischen Wirtschaftskrieg" und die "deutscher Gewerkschaften im Kriege" und 1921 den "Ausgang der deutschen Ostpolitik".

Im Unheil die Stimme erhoben

1924 heben mit dem "Frührot" die Lebensbücher und Dichtungen an. Dem "Frührot" folgt 1927 die "Ewig grünende Tanne", 1932 der "Weite Weg", 1935 die "Heimkehr", 1938 das "Gespräch vom Glauben", im selben Jahre die "Wunderbare Veit", die "Hand Gottes" und "Im Kreis verbunden" 1940 die Vaterunser-Schrift, ferner "Käuze und Schelme", "In der Höhle" (1950 erschienen) und das "Unbekannte", 1941 das "Buch Wanderschaft", 1943 "Stiegel, der Holzhauer", 1948 die Erinnerungen "Aus zwanzig Jahren", und zu Weihnachten 1956 hat der Wittig-Verlag, welcher jetzt alle Werke Winnigs verlegt, die ersten Kapitel aus dem nachgelassenen "Tyrstein" abgedruckt (in seinem Almanach für 1957).

Kein fließender Brunnen mehr

Nicht, als ob die politischen Bücher und Gedanken 1924 mit einem Rucke geendet wären. 1928 erscheint der Bericht über Winnigs "400 Tage Ostpreußen", 1928 das "Reich als Republik" und 1937 "Europa". Aber das ist ein Auslaufen und Abschließen, kein Weiterschöpfen aus einem fließenden Brunnen.

Und die Schriften, die um das Schicksal des Arbeiters kreisen – 1924 der "Glaube an das Proletariat" und 1930 "Vom Proletariat zum Arbeitertum" – beginnen wohl bei der politischen Frage und dem politischen Bestände, aber sie antworten bereits nicht mehr politisch, sondern erst historisch und dann gläubig. Insofern bekunden sie auf besondere Weise den Weg Winnigs noch einmal.

Es lohnt, diesen Weg nachzugehen. Denn noch überwiegt die Zahl derer, die im Denken und Handeln politisch verstrickt sind, noch täuscht das heraufgezogene westliche Wirtschaftswunder über den geistigen und sittlichen Zusammenbruch Europas hinweg; aber das verspielte Erbe wird einmal die Schuldanerkenntnis, von jedermann einfordern; und da darf denen, die das Weltgericht an diesem Tage Auge in Auge vor das Nichts stellen wird (an dem sie 1945, wie die Gegenwart zeigt, noch vorbeizusehen vermocht haben), nicht vorenthalten werden, auf welche Weise August Winnig aus dem jeglicher Hoffnung baren Dickicht der politischen Niederung zur freien Ebene seines Denkens und Glaubens gefunden hat: auf neue Weise fragend und sehend nämlich und nicht anders. Denn dem recht, dem neu, dem wahrhaft Fragenden fällt die Antwort zu, die er sucht. Die rechte Frage führt zum Schlüssel. Das offene Tor dann ist Gnade. Hier haben wir es mit August Winnigs Fragen zu tun und wollen uns bei ihnen bescheiden. Wir sind gewiß, ihm mit dem Hinweise auf diese Fragen zu seinem ersten Geburtstage, an welchem er nicht mehr unter uns weilt, die Ehre zu erweisen, die ihm gebührt, soweit das in einem Aufsatz möglich ist. Wie also hat August Winnig seine Zeit aufgenommen? Was hat ihm diese Zeit gelehrt?

Winnig hat sich als Sohn eines Handwerkers und als Erbe eines Handwerkes vorgefunden, dem seine Vorfahren im niedersächsischen Blankenburg am Harz durch mehr als vier Jahrhunderte nachgegangen sind. Er hat erlebt, wie die heraufkommende technisch-industrielle Wirtschaft seinen Vater enterbt hat; das Handwerk wird für nichts erachtet, und der Handwerker wird proletarisiert.

Der schöpferische Akt zerstört

Im Unheil die Stimme erhoben

Es geht hierbei nicht um den Lohn. Der geringe Lohn kann erhöht werden. Es geht um die Entehrung des vorher selbständigen, des vorher freien Mannes. Wodurch wird er entehrt? Dadurch, daß er zur "Sache", zum käuflichen Wert, zum bloßen Objekt der Kalkulation erniedrigt wird, zum "aufrecht gehenden Nutzvieh".

Hierin sieht Winnig eine Folge der kapitalistischen Wirtschaftsgesinnung, aber ebenso der ihr mit umgekehrtem Vorzeichen antwortenden sozialistischen; sie ist dem technischen Denken unmittelbar verschwistert und stammt gleich ihm von der Renaissance als ihrer gemeinsamen Mutter.

Was wird mit diesem Urteil gesagt? Und welche Frage stellt Winnig damit sich und uns? "Unnatur ist unsere Fabrik", findet er, "die rationalisierte und die nichtrationalisierte. Sie ist Unnatur, weil sie den schöpferisch lustvollen Akt der Arbeit zerlegt und damit zerstört". "Das ist schlimmer, als wenn ein Pferd im Göpel geht." "Daraus sind zwei Dinge entstanden, nämlich das ruhelose Arbeiten und das Militär". Die Preußen haben das aufgegriffen und gefördert, weil sie "auf ihrem Sande saßen und nicht viel zu beißen hatten". "So haben die Preußen uns ins Laufen gebracht. Von ihnen haben wir die Fabrik und die Kaserne bekommen und den Drill, der dazugehört. Da gibt es nun kein Halten. Wir müssen weiterlaufen, und wenn wir das Blutspucken kriegen."

Daß dieses Laufen folgerichtig ins Dritte Reich gemündet hat – und, wie wir hinzufügen dürfen, immer wieder, so oft es neu begonnen wird, so enden muß – spricht Winnig vor Eugen Diesel offen aus: "Diesel war von der Technik zur Philosophie her in den landläufigen Illusionen der Technik, denen er noch anhing, angefochten. In Hitler sah er die Gefahr für das Ethos der Technik. ,Dieser Mensch‘, so sagte er, ‚der selber ohne Ethos ist. wird der Technik den letzten Rest davon nehmen.‘ ‚Den Rest: es kann also nicht mehr viel verloren werden?‘ gab ich zurück. ,Entsetzlich viel; denn mit dem Rest wird die letzte Hemmung wegfallen.’ ‚Die letzte Illusion.‘"

Technik – ein Fortschritt?

August Winnig begnügt sich nicht damit, Wirtschaftsgesinnung und technisches Denken auf die Renaissance zurückzuführen, sondern er begründet es auch, warum sie ihrem Wesen gemäß zu ihnen führen mußte: weil sie auf keinen Gott mehr, sondern auf den Menschen geblickt hat. Daher lag in diesem Blick der Keim des Atheismus, des Nihilismus unserer Zeit, und damit der Keim einer Sittlichkeit oder vielmehr Unsittlichkeit, die es der Wirtschaftsgesinnung erlaubte, im Menschen entehrend eine bloße Sache zu sehen und in der Erdherrschaft des Technikers einen Fortschritt.

Indessen ist es mit diesem Fortschritt nichts; sondern "die Schutt- und Schlackenhalden des Ruhrgebietes, die das gemordete Fruchtland bedecken, sind die Grabhügel der getöteten Freude des arbeitenden Menschen".

Im Unheil die Stimme erhoben

Brauche ich darzutun, wo Winnig Umkehr und Heimkehr und Wiederkehr sieht und findet? Seit der Renaissance sind Ehre und schöpferischer Raum des Handelns dem Werkenden von Jahrhundert zu Jahrhundert mehr vorenthalten worden; denn wo der Mensch in die Mitte gestellt wird, dort wird der Mensch zum Werkzeug des Menschen. Wo ein Gott in der Mitte steht, dort wird der Mensch zum Werkzeug dieses Gottes, dort also unfrei und hier frei.

Damit wird die Arbeiterfrage zur Glaubensfrage. Indem Winnig sie uns gestellt und nach seinem Glauben auf sie geantwortet hat, tritt er mit Dickens und Raabe (dessen Worte, 1908 in Braunschweig selber gehört, er seinen Hurlemann in der "Wanderschaft" hat sprechen lassen) in die Reihe der großen Erzieher, der Väter ihres Volkes, die im Unheil für das Heil ihre Stimme erheben, und will gleich ihnen und mit ihnen empfangen und gehört und wohlaufgenommen sein. Was August Winnig an diesem Ort zu wirken gegeben ist, hat erst begonnen, so wahr die Einsicht in den Fluch der Renaissance eben erst begonnen hat.