Die ersten Stunden auf demokratischem Kasernenhof

Von Josef Müller-Marein

Da sind sie nun am 1. April, dem Datum der Scherzhaftigkeit, eingerückt: die ersten Rekruten, die – fast zehntausend an der Zahl – nicht freiwillig „zu den Waffen eilten“, sondern „gezogen“ wurden, wie es das vielumstrittene Gesetz über die Wehrpflicht befahl. „Jahrgang 1937“ durchichritt also das Kasernentor, den Pappkarton in der Hand. Junge Männer, die zur Stunde der letzten, der totalen deutschen Niederlage 1945 noch ichtjährige Kinder waren und nicht einmal als „Pimpfe“ im „Jungvolk“ einen Vorgeschmack auf „08/15“ -Manieren bekamen, erleben jetzt die ersten Stunden als Rekruten auf demokratischen Kasernen-Höfen. An ihnen soll sich bewähren oder – zuschanden werden, was als Idee vom „Bürger in Uniform“ in den Meinungsstreit gerufen wurde, wobei denn ihr Initiator, Oberst i. G. Graf Baudissin vom Verteidigungsministerium, manche neue Hoffnung erweckte und

manch bittere Kritik erfuhr. – Zuletzt aber ist über dem jahrelangen Streit, ob eine Bundeswehr überhaupt nötig sei und ob – wenn schon Armee – dies ein Heer von Freiwilligen oder von Wehrpflichtigen sein solle, die Frage, wie das „innere Gefüge“ der neuen Wehrmacht beschaffen sein müsse, leider in den Hintergrund getreten. Für viele ist die Tatsache, daß es nun wieder deutsche Soldaten und obendrein die Wehrpflicht gibt, so ärgerlich und anstößig, daß sie in Gefahr sind, vor jener Frage auszuweichen, die einzig und allein noch ihre Aufmerksamkeit und eine klare Antwort verdient: die Frage, wie die jungen Rekruten während eines vollen Dienstjahres erzogen werden sollen, damit womöglich ein neuer Typus des deutschen Soldaten entsteht. Denn ob die SPD bei der nächsten Wahl siegt und ob sie dann in der Lage sein wird, das „Volksheer“, wie angekündigt, durch ein „Berufsheer“ zu ersetzen, ist noch ganz ungewiß. Und auch dies würde doch nichts daran ändern, daß es die Bundeswehr gibt und damit Soldaten.

Anstatt daß – wie ehemals – der Soldat, der „beste Mann im Staate“, den Kopf über die Zivilisten erhebt, hat es letzthin Fälle gegeben, in denen der Zivilist dem Soldaten „auf den Kopf kam“. Soll das nun weitergehen? Wie will beispielsweise ein Gastwirt, der dem Rekruten „Lokalverbot“ erteilte, fortan noch unterscheiden, ob es sich um einen Wehrfreiwilligen oder um einen „Muß-Preußen“ handelt? Das „Ohne-mich-Prinzip“ war weitverbreitet, und ist es noch immer, wenn auch die Front der „Kriegsdienstverweigerer“ zusammenbrach. Indessen geht man wahrscheinlich nicht fehl in der Annahme, daß die bösen Gefühle gegenüber den heutigen Soldaten (welche Uniform sie auch immer tragen mögen) auf böse Erinnerungen zurückgehen, seien dies Erlebnisse der eigenen Militärzeit in Krieg und Frieden oder seien es Erfahrungen im Umgang mit den Soldaten der ersten Besatzungszeit. Die Front der „Ohne-Mich’ler“ wird sich im selben Maße auflösen, in dem aus den Kasernen die Gewißheit ins Freie dringt, daß freie Luft in die Kasernen gedrungen ist.

Das Experiment ist groß – darüber sind sich alle Skeptiker im klaren. Wie leicht mag mit dem „Komiß“ auch der alte „Kommiß-Kopp“ wieder nachwachsen, von dem kein ehrlicher Mann bestreiten wird, daß es ihn gegeben hat, ja manchenorts in erschreckenden Formen. Dies: „Wißt ihr noch?“ Und dann folgen in den Gesprächen die Anekdoten von dem und jenem Feldwebel, Unteroffizier und Offizier. Dies stupide „Auf“ und „Nieder“, dies Herumgejagtwerden, das in des „Landsers“ Sprache „Christenverfolgung“ hieß! Dies ganze Exerzitium, das sich an der Front dann in vielen Fällen – wenigstens bei den stark von der Technik abhängigen Truppenteilen, wie den Fliegern oder den Panzerleuten – als sinnlos, zumindest überflüssig erwies! Und sammelt man die „Stories“ und ergänzt man sie durch eigene Erinnerungen, so ist denn mühelos ein gemeinsamer Zug militärischer „Erziehung“ herauszuschälen: Entmündigung, Entwürdigung, Brechung des eigenen Willens, der eigenen Persönlichkeit, Verwandlung eines Menschen in einen Automaten, der dem Befehl gehorcht wie eine Maschine dem Hebeldruck. Mit einem Wort: Austreibung aller Eigenschaften, die den Demokraten ausmachen!

Optimismus anrüchig?