Von Alfred Kubel, AR-Vorsitzer der Deutschen Messe- und Ausstellungs-AG

Auf der kommenden Deutschen Industrie-Messe Hannover,auf der sich Wirtschaftler – auch Wirtschaftspolitiker – aus aller Welt treffen werden, wird sicher noch mehr als im vergangenen Jahre die Frage nach einem Handelsvertrag (oder auch Handelsabkommen) mit der Sowjetunion in den Mittelpunkt der Gespräche rücken. 1956 war es der inzwischen abgelöste Botschafter Sorin, der es verstand, das Interesse der UdSSR an einem planvollen Warenaustausch mit der Bundesrepublik bei jeder sich bietenden Gelegenheit anzumelden. Er wurde nicht gerade diplomatisch behandelt, wie wir uns erinnern.

Wir schrieben damals in unserem messeamtlichen Organ, dem „Export-Dienst“ der Übersee-Post, die folgenden Sätze: Sollen bis dahin (also bis zum Abschluß eines Handelsvertrages) die Westmächte auf vertraglicher Basis mit der UdSSR Geschäfte machen, denen der Eiserne Vorhang durch Deutschland offenbar weniger Skrupel bereitet – obwohl ihre Regierungen für seine Beseitigung gleichfalls verpflichtet sind? ... Warum diplomatische Beziehungen, wenn Außenhandelsfragen – gewöhnlich sagt man dem internationalen Warenaustausch völkerverbindenden Charakter nach – als tabu erklärt werden?

Dieser Teil der politischen Front zwischen der UdSSR und der Bundesrepublik Deutschland ist heute beweglicher geworden, und diese Tatsache im Zusammenhang mit dem besonders großen offiziellen Besuch, der bei der Hannover-Messe aus dem politischen Osten angemeldet worden ist, macht unsere oben niedergeschriebene Vermutung realistisch. Selbst wenn – was wir noch nicht genau wissen – Mikojan nicht nach Hannover kommt, so kommt gewiß der neue Botschafter und mit ihm kommen zwei umfangreiche Experten-Delegationen aus der Sowjetunion. Daneben werden etwa zehn Vertreter aus Peking-China erwartet, die das China Committee for the Promotion of International Trade auf dem „Ostasientag“, den die Messe in diesem Jahre durchführt, vertreten werden. Auch diese Experten werden – was unschwer zu vermuten ist und sicher auch im Interesse der im Chinageschäft arbeitenden deutschen Kaufleute liegt – einen verhärteten Frontabschnitt im Welthandel „massieren“, bis er, zwar immer „Grenze“ in vielerlei Hinsicht bleibend, doch geschmeidiger als bisher diese Funktion in der Wirklichkeit dieser Welt und unter besserer Beachtung weltwirtschaftlicher Voraussetzungen erfüllt. Über die Embargopolitik wird geredet werden! Der „Ostasientag“ in Hannover verspricht auch sonst eine sehr bemerkenswerte Veranstaltung zu werden.

Wenn wir an den „Afrikatag 1956“ zurückdenken, so erinnern wir uns, wie sehr die „Afrikaner“ der verschiedenen Staaten und Gebiete dieses Erdteiles die Gelegenheit schätzten, nicht etwa nur mit westdeutschen Kaufleuten und Ingenieuren ins Gespräch zu kommen – sie nutzten nahezu ebenso intensiv die Möglichkeit, mit ihren afrikanischen „Nachbarn“ zu sprechen. Die Verkehrsverhältnisse in diesen „Entwicklungsgebieten“ unserer Erde machen solche Direktunterhaltungen auf dem heimatlichen Boden kostspielig und schwierig: Hannover bot hier eine Gelegenheit, die die Messeleitung gar nicht vorausgeplant hatte. Mindestens ähnlich wird es den ostasiatischen Teilnehmern am „Ostasientag“ in Hannover ergehen. Nur gibt es hier neben unwegsamen Wüsten, tropischen Wäldern und manch anderen Hindernissen, die die Natur dem Verkehr von Land zu Land in den Weg gelegt hat, verglichen mit Afrika weit mehr weglos erscheinende Strecken auf den weiten – von Menschen bereiteten – Gebieten der Politik ...

Man ist jedenfalls in Hannover auf das Zusammentreffen der Peking-Chinesen mit den Japanern – sie kommen mit dreizehn Herren unter der Leitung des Vizepräsidenten der Nippon Management Association, Herrn Morikawa, und den Philippinesen mit ihrem Minister für Handel und Industrie Ledesma, um nur einige Delegationen zu nennen, recht gespannt.