Die Gesamtübersichten der letzten Jahre über die künstlerische Produktion Westdeptschlands hatten ein erschreckend gleichförmiges Ge sieht. Das Niveau war gut, sowohl auf den Jahresausstellungen des Deutschen Künstlerbundes und als selbst bei den allzu breit angelegten Massenvorführungen im Haus der Kunst" in München; mit Befriedigung ließ sich feststellen, daß wir "aufgeholt" haben und hinter den anderen europäischen Ländern nicht zurückstehen — sieht man ab von einigen weltbedeutenden Höchstleistungen, wie denen von Picasso oder Henry Moore. Aber es fehlten kräftige Akzente, es gab wenig Überraschungen durch neue Talente, man konnte zwar den Status quo a Hand durch weg tüchtiger Arbeitender bereits allbekannten Meister ablesen, selten aber wurde das Beste nachdrücklich genug herausgehoben, auch blieb es schwer erkennbar, wohin die Fahrt geht. Schöpferische Unruhe schien jenem "Konformismus" gewichen, der leider zu den bezeichnendsten und verhängnisvollsten Schlagworten unserer Zeit gehört.

Das war bei den regional begrenzten Darbietungen nicht besser. Stillstand auf einer gemäßigten Linie abstrakter Gestaltung. Daneben, seltsam unverbunden, Beispiele eines abklingenden, vielfach sehr ermatteten Expressionismus und immer dieselben Vertreter älterer, konventionellerer Malweise, die als "letzte Recken gegenständlicher Kunst" eine beruhigende Wirkung auf das Publikum auszuüben pflegen.

Zeigen wir nicht zu vieles und zu oft das gleiche? Gibt es keine Entdeckungen zu machen? Bezeichnen diese allzu programmlosen Übersichten wirklich genau genug die wahre Situation? Die große Jubiläumsausstellung des Niedersächsischen 22. April), die in diesem Jahre den Reigen "großer" Ausstellungsereignisse eröffnet, kann auf Grund ihres hohen Ranges mit Nutzen danach befragt werden.

Wie oft—schon im ersten Saal und nicht minder im letzten — muß man seufzend feststellen: Man Schon die leiseste Steigerung der Qualität mnerhdb wohlbekannter individueller Stilmittel wirkt aeglückend, hier besonders bei einigen der Vetcranen". Das Purrmann Porträt von Gerhard Marcks (dazu vier herrlich sensible vorbereitende Zeichnungen) strahlt Reife des Alters aus: Stille, Tiefe und Schlichtheit — sowohl von Seiten des Modells als vor allem des darstellenden Bildhauers. Man kennt den damals viel beachteten, gewiß nicht schlechten Purrmann Kopf von Emy Kaeder, die jetzt in Hannover neben dem auch schon bekannten Heckel inen. Schmidt Rottluff Kopf ausstellt; hier tritt die Manier deutlich hervor gegenüber dem immer erneuten schöpferischen Impuls des echten Meisters. Manier auch bei Bernhard HelliPorträt als Kunstmittel erstmals erprobte, damals überraschend wirksame Schrägstellung des Kopfes Groß- und Bau Plastiker Hans Mettel (er zeigt leider vorwiegend schon Bekanntes) beweist zar mit seinem "Bildniskopf Dr. Bredow", daß er auch solche Aufgabe zulänglich zu lösen vermag, daß sie aber abseits von seinem Wege liegt. Nur He nrich Kirchners Kopf seines Schülers, des Bildhau:rs Die Malerin Ida Kerkovius, 78jährig, steht friich vor jeder neuen Aufgabe, man kennt und schätzt sie immer noch zu wenig; das Hoelzei Erbe, das sie lebendig verwaltet, scheint unerschöpflich befruchtend — Die neuen Arbeiten von Werner Gilles gehen gewiß nicht iraeue Wege, aber sie haben etwas Endgültiges gewonnen, etwas ausgeruht Reifes, weil in aller Stille, fast unmerklich, Schritte vorwärts getan werden. Als er in Neapel Farben einkaufte, faszinierte ihn ein einfaches graues Packpapier, das ihn dazu anregte, seine bekannten Landschaftsthemen aus Ischia nur mit dem Bleistift vorzutragen und ganz zu verzichten auf sein Hauptwirkmittel, die liebenswürdig enthusiastische Farbe — und siehe, er ist innerlich so voll Figur, daß sie den Ölbildern und Aquarellen künstlerisch nicht nachstehen.

In einem Hauptsaal mit Werken abstrakter Kunst hat Ernst Wilhelm Nay, ohnedies der Beste, den Ausstellungs vorteil, daß ihm die diesmal recht schwachen Arbeiten von Fritz Winter und die unlebendig intellektuellen Kompositionen von Hans Bild Nays in duftig schwingenden Grautönen läßt so sehr die zugrunde liegende Gedankenarbeit vergessen, daß man den Atem des Lebens spürt. Schade, daß zwischen die Gemälde von Nay nicht gliedernd die "blühende" Messingplastik von Hans ist (Man darf das Niedersächsische Landesmuseun zu dieser Erwerbung beglückwünschen ) — Schrecklich, wenn ein verspieltes Biedermeier Talent ne der in München wirkende Ernst Geitlinger in leerer und brutaler Gegenstandslosigkeit experimentiert; man glaubt ihm nicht. Gewaltsame, modisch bedingte Umbrüche sind schlimmer noch als Stagnation.

Freilich, man kann nicht stehenbleiben. Im künstlerischen Bereich bedeutet Stillstand zugleich immer auch Rückschritt, sei es, daß der Mut fehlt, sich vom glücklich Erreichtem zu lösen (Willem Grimm), sei es, daß allzu rasch das durchaus persönlich Gefundene von Routine bedroht wird (Sonderbar). Wir sprechen das offen aus, weil wir von beiden noch viel erwarten.

Ein lehrreiches Gegenüber von je drei Bildern der Berliner Maler Max Kaus und Alexander befriedigendes Ringen um eine dem Künstler im Grunde ungemäße neuzeitliche Fprmengebung, hier ein vielleicht nicht allzu ergiebiger, aber immer höchstpersönlicher und daher anziehender und überzeugender Klang — Ein paar weniger bekannte Namen mit diesmal besonders schönen Einzelleistungen, zum Teil zu Unrecht etwas versteckt placiert: Ernst Weiers, Peter Janssen, Hubert Erfreulich, daß trotz der Zielsetzung eines weitgespannten Überblicks in Hannover der Norden (Niedersachsen und Hamburg) mit sonst oft nicht genügend beachteten Künstlern stark hervortritt. Der Hamburger Arnold Fiedler und der Hannoveraner Johann Georg Geyger gehören heute zu den besten deutschen Abstrakten und stehen den Vielgenannten kaum nach. Kurt Sohns, fünfzigjährig, Lehrer an der Technischen Hochschule in Hannover, ein imibestenjSinne solides Talent, durch gut gebaute klangschöne Innenraumbilder. Eine Überraschung und eine Hoffnung: der 33jährige Hannoveraner Bildhauer H. Rogge, der unter anderem bei Marcks in Hamburg gelernt hat.