Wenn man einer patriachalischen Gesellschaft den „pater“ wegnimmt, dann gibt es niemanden, der für diese Gesellschaft noch sprechen könnte. Es hat ein Jahr gedauert, bis die englische Regierung das eingesehen hat. Durch die Deportation des Erzbischofs von Zypern ist überhaupt nichts erreicht worden – schlimmer: der einzige Mann, mit dem man hätte reden können, war nun nicht mehr da. Und zwar wurde er in einer Form beseitigt (ohne Prozeß, vom Flugplatz weg verhaftet), die ihn zum Märtyrer machen mußte und die die Engländer ins Unrecht setzte. Daran änderten auch die nachträglich „entdeckten“ und vom Daily Telegraph so fleißig publizierten Tagebücher des Rebellenführers Grivas nichts, um die es übrigens mittlerweile recht still geworden ist.

Aus dem herrlichen Zypern, der Insel der Venus, war ein giftiges Geschwür am Körper des britischen Commonwealth geworden. Premierminister Macmillan hat jetzt endlich den kräftigen Schnitt getan: Erzbischof Makarios kehrt zurück – zunächst nach Athen, bald wohl auch nach Nikosia. Aber sein Auftritt war gekoppelt mit dem Abtritt des Mannes, der Macmillan auf den Gipfel der Macht hob, der grauen Eminenz am britischen Thron, dem Senior der führenden Tories und der Cecil-Familie: Lord Salisbury.

Lord Salisbury ist tief durchdrungen von der Überzeugung, daß in der rauhen Welt des politischen Alltags konziliante Gesten Schwäche verraten und daher immer falsch sind. Diese Grundüberzeugung führte ihn schon einmal zum Rücktritt: 1938, als er noch Lord Cranborne hieß, war er vom Posten des Staatssekretärs im Außenministerium zurückgetreten aus Protest gegen Chamberlains konziliante Politik in Mitteleuropa und hatte dadurch auch den Rücktritt seines Außenministers (er hieß Mr. Eden) mitveranlaßt.

Salisbury ist ein Mann, dessen Überzeugungen man respektiert, auch wenn man sie nicht zu teilen vermag; ein letzter Angehöriger jener alten Generation des englischen Hochadels, die durch starke Gefühle und persönliche Erlebnisse noch eng mit dem britischen Empire verbunden ist, das seine letzte Größe ihr verdankt. Seit es ein britisches Weltreich im alten Glanze nicht mehr gibt, sind Politiker, die ein so unleugbares persönliches Recht haben, ihm nachzutrauern, für jede britische Regierung eher eine Belastung. Sie sehen die weltpolitische Situation so, wie sie glauben, daß sie sein müßte – und nicht so, wie sie ist. – Vorübergehend bedeutet Salisburys Ausscheiden gewiß einen Schock für die Regierung Macmillan. Falls sie den übersteht, wird sie später weniger interne Rücksichten zu nehmen brauchen, also stärker sein. Nichts deutet bisher darauf hin, daß sie ihn nicht überstehen wird. Macmillan würde wohl gern noch einen Kabinettsminister opfern, wenn er dadurch Gewißheit erlangen könnte, daß der Streik – eine viel größere Gefahr für seine Regierung und für England – nicht wieder aufgenommen wird.

Es ist schließlich auch ganz beruhigend, das Suez-Kabinett um eine weitere Schlüsselfigur verringert zu sehen. Von den aktiven Befürwortern der Suez-Aktion der britischen Regierung ist nun nur noch ein Mann übrig – Außenminister Selwyn Lloyd. Er ist freilich nicht der Typ, den irgend etwas zum freiwilligen Rücktritt bewegen könnte. Leo