Federnd und blond, ein Edelmann vom Scheitel bis zur Sohle: Erich Schellow als Hamlet. Ein intelligenter, ungemein präzise artikulierender Sprecher. Intellektuell, wie Hamlet sein soll, aber kein Zauderer eigentlich, kein verzweifelt Schaudernder, durch Leiden mehr und mehr der gemeinen Szene der anderen überlegen, als durch Logik. Der richtige Hamlet für diese Inszenierung von Fritz Kortner im Berliner Schillertheater. Aber eine richtige Inszenierung? Eine sehr sorgfältige, eine philologisch korrekte, eine fleißig gearbeitete Inszenierung gewiß. Aber sie trägt nicht viereinhalb Stunden, reißt nicht hinweg über die dramatischen Unzulänglichkeiten, die monologischen Längen des Stückes. Kortner hat das ordentlich hingestellt, aber zur Größe kommt es nicht, zur Tragödie, die den Zuschauer angreift, ihn fortträgt für Stunden in die Welt des heiligen Ernstes der Kunst. Der erhabene Text, der äußerst anspruchsvolle, wird von vorzüglichen Akteuren pfleglich interpretiert. Aber was „Hamlet“ nötig hat, ist nicht Interpretation, ist Inkarnation. Die Flamme der Leidenschaft des Erkennens – hier verzehrt sie nicht, hier macht sie nur brenzlig. Martin Held ist ein bewegend verruchter König und Joana Maria Gorvin eine Ophelia, die davon überzeugt, daß diese Figur niemals ein kleines Mädchen sein kann. Sie allein schließlich versteht den grübelnden Prinzen und liebt bis in Wahnsinn und Selbstmord Hamlets Schmerz, keine Illusionen dulden zu können. Der Gorvin glaubt man die tragisch zerrüttende Gewalt der Dichtung, die sonst bei dieser Inszenierung allzusehr kanalisiert wird. Ein Hamlet vom Blatt gespielt, wacker, aber nicht mehr.

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Die Engländerin Felicity Douglas versteht sich auf wirkungssicheres Unterhaltungstheater. Recht glücklich wurde ihr Lustspiel It’s Never Too Late übersetzt mit „Die liebe Familie!“ Unter dem Titel „Geliebte Fessel“ wurde die Sache bei uns auch als Roman bekannt. Eric Ode arrangierte den spaßigen Trubel für die Kleine Komödie am Kurfürstendamm, wo er gut hinpaßt und dem privaten Theater nun schon viele Wochen eine volle Kasse macht. Vilma Dagischer, eine Wiederentdeckung für Berlin, spielt die über Nacht erfolgreiche Romanautorin, die wie ein Schmetterling aus der Puppe ihrer Hausfrauenrolle nach Hollywood entfliegt, um verwirrt und verwirrend ihre durcheinandergeratene Familie wiederzufinden, die inzwischen überrascht entdeckt hat, daß die Mutter eigentlich alles zusammengehalten hatte. Mann und Tochter auf Abwegen, die ewig räsonnierende Großmutter vollends sauer, sie selbst amourös gefährdet, die verheiratete Tochter hysterisch geworden – das sind die traurigen Folgen literarischen Ruhms in diesem Falle. Ode spielt seine psychologisch sehr treffende Partitur mit Witz in glücklicher Besetzung.

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Noch lustiger ist da etwas noch viel Älteres, La DamaBoba, „Die kluge Närrin“ von Lope de Vega. Das Schloßparktheater kam jetzt damit heraus, und die Aufführung ist sehenswert, schon allein durch die Starleistung von Käthe Braun als die närrische Tochter eines spanischen Edelmannes, die durch die Liebe klug wird, klüger als alle. Der einmalige phlegmatische Charme der Braun bewährt sich aufs reizendste. Alle übrigen Rollen sind sorgfältig aufs Komische angelegt und zeigen zum Teil zwerchfellerschütternde Charakterisierungen. Dietrich Haugk machte ein Regieexperiment mit Tänzerinnen, die als anmutige Bühnenarbeiter fungieren. Dieses Experiment ist von der Art, daß man sich freut über den Einfall und den Versuch, obwohl man es mißlungen nennen muß. Große Theaterleute sind nie zimperlich mit alten ehrwürdigen Texten. So würde sich auch Lope de Vega die kesse Einlage gern gefallen lassen, die leicht verjazzte alte Musik mit eingerechnet, wenn das alles nur zu einem Ganzen gekommen wäre. Dennoch ein fröhlicher, lohnender Abend.

Sehr schwer und schwierig geht es in einem Tolstoj-Drama zu, das Oscar Fritz Schuh in seinem Hause, dem Theater am Kurfürstendamm, präsentiert. Umständlich wie der Titel des sozialen Diskussionsstückes ist der ganze Dialog: Und das Licht scheinet in der Finsternis. Attraktion des Abends: Ernst Deutsch als philosophierender russischer Gutsbesitzer. Seine Frau wird von Lucie Mannheim gegeben, Helene Timig spielt die alte Fürstin Tscheremschanowa. Worum es hier in der Idee geht, das ist hochaktuell, und man hat Leo Tolstojs ahnungsvolle Einsichten zu bewundern. Lange vor der Roten Revolution 1917 und ihren entsetzlichen Folgen erkannte er die Ursachen und stellte die Frage nach der Rechtmäßigkeit ererbten Besitzes, die Marxsche Frage nach dem Unrecht der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Wenige sehen die Schrift an der Wand, und diese wenigen könnten die Welt retten. Aber auch sie sind Menschen, und ihre Schwäche, ihre Verflochtenheit in den nächsten Umkreis, hindert sie, das Notwendige mit mäßigender Vernunft beizeiten zu tun. So verrichtet am Ende die Gewalt, was friedlich nicht mehr zu leisten ist. Tolstoj gelingt in diesem Drama nicht, was seine großen Romane auszeichnet: die Verwandlung der literarischen Idee in Fleisch und Blut. Auch Schuh und Deutsch können das nicht reparieren. In Nebenrollen fallen zwei junge Schauspieler auf: Hanne Hiob und Alexander Wellbad.

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