Rund fünfzig Personen, ursprünglich ein Hörspiel, im Grunde ein einziges langes Gedicht – was soll das auf dem Theater? Der Autor hätte sich vermutlich selbst gewundert, wie seine poetischen Figurationen von der Bühne herunter wirken. Und das sogar in deutscher Übersetzung. Diese Übersetzung nennt sich zu Recht eine Nachdichtung, sie ist von Erich Fried einem idealen Übersetzer für den kürzlich allzu jung verstorbenen Engländer Dylan Thomas. Unter dem Milchwald war ein großer Rundfunkerfolg in Großbritannien und auch in Deutschland, bevor wir vor der theatralischen Fassung den Hut ziehen durften. Natürlich ist dieses Spiel aus kühnsten Wortmontagen kein Stück, kein Drama. Aber dieses Wort, diese Lyrik, ist so dicht, so menschlich, so hautnah überzeugend, daß auch der Zuschauer wie der Zuhörer vergißt, nach dem üblichen Reiz der Spannung und des dramaturgischen Bogens zu verlangen. Boleslav Barlog, der Hausherr im Schillertheater, inszenierte es hier mit gutem Fleiß. Weite Kreise seines großen Ensembles konnte er dabei um sich versammeln. Es gelangen ihm und seinen Schauspielern vorzügliche Miniaturen, die lange im Gedächtnis haften bleiben. Der außerordentlich schwierigen Aufgabe des Erzählers war Kurt Buecheler nicht ganz gewachsen, so freundlich nachbarlich und so sicher er seinen Part auch sprach, der in lauter überraschenden Wendungen funkelte.

Zu guter Letzt die Nachricht vom absoluten Glücksfall des so seltenen vollkommenen Theaters: Hans Lietzaus Inszenierung des Lustspiels Ein besserer Herr von Walter Hasenclever im Schloßparktheater. „Valencia, meine Augen, deine Augen, Hühneraugen, Kukirol...“ Lauter Schlager aus den zwanziger Jahren begleiten diese herrliche Satire auf die modernen Zeiten aus dem Jahre 1927. Quick und schlank ist der Spaß in zwei Stunden vorbei, und selten steht man so lachend erquickt wieder auf. Eine junge Schauspielerin hat hier als Kapitalistentöchterlein Lia Compass ihren ersten überzeugenden Erfolg: Lore Hartling. Ihr Partner stellt neben seinen unvergeßlichen Ornifle jetzt diesen pompös schillernden Heiratsschwindler, eben den „besseren Herrn“: Martin Held. Vorzüglich Klaus Kammer als Harry Compaß, das Kapitalistensöhnchen, und eine schauerlich komische Charge Lotte Stein als Frau Schnütchen. Dieser Hasenclever wurde neu entdeckt, nicht in Berlin allein, aber die Wiederbelebung gelang hier vollkommen. Eine intelligentere Interpretation dieses ungemein kessen kurzweilig-frechen Stückchens ist nicht zu denken. Mit Wehmut erinnert man sich an das tragische Ende dieses hochbegabten Bühnenschriftstellers: Hasenclever beging 1940 in einem Lager der Gestapo Selbstmord. Thilo Koch