Von Armin Mohler

Paris, im April –

Der Name Faure ist in Frankreich recht häufig. Allein in der Politik gibt es drei prominente Träger dieses Namens. Vor nicht allzulanger Zeit noch mußte man, wenn man von Maurice Faure sprach, gleich hinzusetzen, daß man nicht Edgar Faure – den Ministerpräsidenten von 1952 und 1955 – meine, sondern den „jungen Faure“. Und um die letzte Jahreswende kam zur weiteren Verwirrung auch noch der General Jacques Faure hinzu – jener angebliche Kopf einer Militärverschwörung gegen die Republik, der vom Verteidigungsminister in Arrest geschickt wurde, weil er zu laut gedacht hatte.

Um Edgar Faure ist es stiller geworden, seit er von Mendès-France aus der Radikalen Partei rausgesetzt wurde. Und die „Verschwörung“ Jacques Faures hat sich auf ein längst bekanntes Faktum reduziert: daß nämlich gewisse höhere Offiziere gern auf die „Politiker“ in Paris schimpfen, die an der Auflösung des französischen Kolonialreiches die Schuld trügen. So denkt man denn heute, wenn der Name „Faure“ fällt, zuallererst an den 35jährigen Staatssekretär im Außenministerium Maurice Faure, dem Außenminister Pineau die Hauplast der „europäischen“ Geschäfte aufgebürdet hat.

Daß dieser Benjamin der französischen Minister sich so in den Vordergrund spielen konnte, erscheint als eine besondere Leistung, wenn man bedenkt, daß ihm das in Paris so nötige pittoreske Element völlig fehlt. Von der Generation der heute 50jährigen Staatsmänner – den Edgar Faure, Mollet, Mendès-France – hat man gesagt, daß sie in der französischen Politik den Machtantritt des Managertypus verkörperten. Was ihren „Stil“ betrifft, mag das stimmen. Ihren Persönlichkeiten nach jedoch sind sie – selbst der etwas blasse Mollet – noch meilenweit von der unpersönlichen Korrektheit des modernen Verhandlungs- und Vermittlungsspezialisten entfernt. Maurice Faure jedoch verkörpert diesen Typ als erster unter den prominenten französischen Politikern, und zwar in vollkommener Weise. Er bringt die Karikaturisten in Verzweiflung. Selbst Altmeister Sennep vom Figaro hat noch keine Formel für ihn gefunden – auch er könnte nur einen hochgewachsenen, liebenswürdig lächelnden, stets gutgekleideten jungen Mann ohne den geringsten ausgefallenen Zug zeichnen.

Auch seine Karriere ist ohne Sensationen – es sei denn die ihres Tempos. Der Lehrerssohn aus dem Périgord setzt sich schon mit 12 Jahren sein Ziel: „Ich werde Abgeordneter,sein.“ Mit 16 Jahren tritt er in die Radikale Partei, dieses unerschöpfliche Minister-Reservoir der Republik, ein. 1943 schließt er mit 21 Jahren sein Geschichtsstudium glanzvoll ab, besteht im nächsten Jahr das juristische Doktorexamen, und absolviert nebenher auch noch die Résistance. Das Amt eines Gymnasialprofessors, erst in Julie, dann in Toulouse, ist nur ein Sprungbrett. Schon bei den Kammerwahlen von 1946 ist Maurice Faure Listenzweiter in seinem Departement und verschmerzt leicht, daß ihn der Kommunist knapp schlägt: er hätte gar, nicht ins Parlament einziehen können, weil er damals das Mindestalter von 25 Jahren noch nicht erreicht hatte!

So bereitet sich Maurice Faure denn in Paris in den Stäben radikaler Minister auf seinen Eintritt in die aktive Politik vor. Der geschickte allround-Könner, der sich im Nu in jedes Sachgebiet einzuarbeiten weiß, wird seinen Vorgesetzten rasch unersetzlich. Zugleich aber sucht er sich ein Departement des Zentralmassivs aus, wo er als radikaler Listenerster die nächste Wahl von 1951 sorgfältig vorbereiten kann. Der inzwischen mit einer Advokatin verheiratete junge Politiker zieht denn auch in jenem Jahr mühelos ins Parlament ein, und es gelingt dem 29jährigen zum Erstaunen aller, gleich einen Sitz in der Außenpolitischen Kommission der Kammer zu erringen.