Von Gerhard Preusehen

In Hamburg fand der 4. Arbeitswissenschaftliche Kongreß statt (siehe auch Handelsteil), bei dem Probleme der Arbeitszeit diskutiert wurden. Wir haben Professor Dr. Gerhard Preuschen, Direktor des Max-Planck-Instituts für Landarbeit und Landtechnik in Bad Kreuznach gebeten, uns die Hauptprobleme zu schildern, die bei der Festsetzung der Arbeitszeit bedacht werden müssen.

Die moderne Wirtschaft löst den arbeitenden Menschen nicht nur von seinem Heim, indem sie ihn – ganz anders als den Bauern – zwingt, täglich einen weit entfernten Arbeitsplatz aufzusuchen, sie nötigt jeden einzelnen auch, den natürlichen Rhythmus des Tagesablaufs zu ignorieren. Die durchgehende Arbeitszeit, eine Folge der Zusammenballung von Menschen und Arbeitsplätzen, geht über die natürliche Zäsur hinweg, die den Tag in Vormittag und Nachmittag teilt, und schwächt dadurch das Leistungsvermögen.

Bisher sind nur im Bereich des Achtstundentages in größerem Umfang arbeitswissenschaftliche Forschungen angestellt und arbeitswirtschaftliche Erfahrungen gesammelt worden. Immerhin lassen sich aus der Kleinstarbeit dieser wissenschaftlichen Elementeforschung doch schon Entwicklungslinien ablesen, die wichtig sind und deren Nichtbeachtung durch den Gesetzgeber bei der Arbeitszeitregelung bedenklich sind. Jede Arbeit, auch die Handarbeit, ist eine Kombination von geistiger Lenkung, nervlicher Anstrengung und Beanspruchung der Muskeln.

Der Mensch versucht zwar, sich seiner Umgebung anzupassen, aber das hat irgendwo seine Grenzen. Überlastet man einen Teil zu sehr, so treten mit Sicherheit bald oder später Gesundheitsschäden auf. Wenn die Arbeitsregelung der modernen Wirtschaft sich eine möglichst lange Lebensleistung als Ziel setzt, so darf die Beanspruchung während der Arbeit nicht hinausgehen über die zulässige Leistungsgrenze der Muskeln, des Nervensystems oder des Gehirns.

Betrachten wir heute die Rationalisierung und Mechanisierung häufig nur unter dem Aspekt einer Überlastung der Muskelarbeit, so geraten wir leicht dahin, Nerven oder Gehirn zu überlasten. Das geschieht vor allem dann, wenn man versucht, die Arbeitszeit zu verkürzen, indem man die Arbeit stark komprimiert. Wenn wir das Problem der Arbeitszeit untersuchen, denken wir meist nur an die Menschen, die an organisierten Arbeitsplätzen in Großbetrieben stehen, und vergessen dabei, daß sehr viel mehr Menschen an nichtorganisierten Arbeitsplätzen ihr Leben verbringen – beispielsweise die annähernd 20 Millionen Selbständigen, davon allein 15 Millionen Hausfrauen!

Noch eine andere Tatsache wird leicht übersehen: Für den Betrieb (und auch den Gesetzgeber) ist die Nettoarbeitszeit, die Beschäftigung am Arbeitsplatz, wichtig, für den arbeitenden Menschen selbst aber ist die Zeit entscheidend, die er fern von zu Haus verbringt, also: Mindestarbeitszeit zuzüglich Wegezeit. Denn der Weg von und zur Arbeitsstätte kann ja auch eine erhebliche Anstrengung bedeuten, wenn der Betreffende in Verkehrsmitteln stehen muß oder wenn er mit dem Fahrrad fährt. Auf den einzelnen Arbeitsplatz berechnet dürfte es daher zur Zeit,oft viel billiger sein, die Anmarschwege durch Bau von Schnellverkehrsmitteln und deren bequemere Ausstattung (keine Stehplätze!) zu beschleunigen, als am Arbeitsplatz selbst hohe Maschinenwerte zu investieren, um mit diesem Aufwand schließlich nur drei oder fünf Prozent Zeitersparnis herauszuholen.