Die Revolution in Indonesien richtet sich nicht gegen den fast vergötterten Staatspräsidenten Achmed Sukarno, den das Volk Bung Karno, „Bruder Karno“, nennt. Die Ursachen der Rebellion gegen die Zentralregierung, die fast die ganze indonesische Armee in Djakarta ergriffen hat, liegen in der eigenartigen demographischen Struktur Indonesiens begründet. Auf den 3000 Inseln Indonesiens leben zahlreiche Völkerschaften mit verschiedenartigem Charakter. Die indonesische Verfassung von 1949 sah deshalb ein föderalistisches Staatssystem vor; denn es schien damals selbstverständlich, daß die einander oft entgegengesetzten Interessen der einzelnen Inselprovinzen nicht von einer zentralen Stelle allein gelenkt werden könnten. Aber bereits im Sommer 1950 begann Sukarno, die Regierung zentralistisch auszurichten und das Schwergewicht des Inselreiches eindeutig auf die Insel Java zu verlegen.

Mit seinen 54 Millionen Einwohnern ist Java zwar die volkreichste der Inseln, doch bringt sie nur etwa 10 v. H. der Staatseinnahmen. Die indonesische Regierung gibt aber allein für Java drei Viertel aller Staatsausgaben aus. So entsteht in Djakarta eine vollkommen neue Villenstadt, bekam Java ein dichteres Straßennetz und mehr neue Schulen als alle anderen Inseln Indonesiens zusammen. Dazu kommt noch, daß fast alle Beamtenstellen des Inselreiches, bis hinauf zum Provinzgouverneur, mit Javanern besetzt sind. Die Bevorzugung Javas erzeugt natürlich auf den anderen Inseln Verbitterung gegen die Zentralregierung.

Die letzte der häufig wechselnden Regierungen, das am 13. März zurückgetretene Kabinett des nicht sehr energischen Dr. Ali Sastroamidjodjo umfaßte ursprünglich acht Parteien, die mehr gegeneinander als miteinander regierten. Träger dieser Koalition waren die Nationalpartei, die den Regierungschef stellte und der auch Sukarno angehört, sowie die mohammedanische Masjumi-Partei. Das prominenteste Mitglied der Masjumi ist der aus Sumatra stammende Dr. Mohammed Hatta, neben Sukarno einer der großen Führer in der indonesischen Unabhängigkeitsbewegung.

Die straff organisierten Kommmunisten waren vom Kabinett Sastroamidjodjo ausgeschlossen. Ihre Aktivität deckt sich mit den Bestrebungen Moskaus, Indonesien durch eine großzügige Wirtschaftshilfe im sowjetischen Sinne zu beeinflussen. Im Oktober 1956, kurz nachdem Sukarno im September ein sowjetisches Hilfsangebot angenommen hatte, erklärte er mir in Peking: „Wir nehmen Hilfe von überall, selbst aus der Hölle – wenn keine politischen Bedingungen daran geknüpft sind.“ Sukarno, das stellte sich im gleichen Interview heraus, ist von China, seinem raschen wirtschaftlichen Aufstieg und seiner politischen Struktur sehr beeindruckt. Sicher schwebt ihm das chinesische Vorbild für sein eigenes Land vor.

Die sowjetische Hilfe, der javanische Zentralismus sowie die geringe Autorität der Regierung Sastroamidjodjo verursachte schließlich die Revolutionen, die seit Dezember 1956, von Sumatra ausgehend, allmählich um sich griffen. Das Heer – die Offiziere stammen in der Mehrzahl von den äußeren Inselprovinzen – sympathisierte von Anfang an mit den Aufständischen. Nur der Generalstabschef Abd ul Haris Nasution unterstützt Sukarno. Nasution stand bis Mitte 1956 auf dem rechten Flügel der Armee. Unter dem Eindruck der Suezkrise und in der Erkenntnis, daß die USA einem außenpolitisch eigenwilligen Indonesien keine Hilfe gewähren werde, schwenkte er zu Sukarno über. Die Rebellen fordern eine föderalistische Regierung, Verwaltungsreform sowie die Bildung eines Expertenkabinetts unter Dr. Hatta.

Den Forderungen der Aufständischen stellte Sukarno nun eine neue Staatskonzeption gegenüber, die er am 21. Februar bekanntgab. Er kündigte die Bildung eines „Konsultativrates“ an, dem das Parlament bestimmte legislative Befugnisse übertragen soll. Die Teilnahme der Kommunisten an diesem Konsultativrat sollte eine vom Staatspräsidenten „gelenkte Demokratie ohne Opposition“ ermöglichen. Sukarno meint, eine parlamentarische Demokratie im westlichen Sinne sei für Indonesien nicht zweckmäßig.

Diese neue Konzeption Sukarnos, vor allem seine Absicht, die Kommunisten an der Staatsverantwortung zu beteiligen, hatte neue Rebellionen des Heeres zur Folge. Heute herrscht Sukarno nur noch über Westjava und die Umgebung von Medang auf Sumatra. Die rebellierenden Offiziere erklärten, keine Regierung zu dulden, an der Kommunisten teilnehmen. Die äußeren Inselprovinzen weigern sich, Zahlungen an Djakarta zu leisten und treiben Exporthandel auf eigene Rechnung. Dadurch ist für die Zentralregierung in Djakarta eine finanzielle Krise entstanden. Trotzdem blieb Sukarno bisher hartnäckig. Nicht den scharf antikommunistischen Dr. Hatta beauftragte er mit der Kabinettsbildung, sondern den ehemaligen Bürgermeister von Djakarta, Suwirjo, den Vorsitzenden von Sukarnos Nationalpartei.