Tennessee Williams jüngstes Schreckensdrama heißt – symbolisch natürlich – „Orpheus Descending“. Gemeint ist ein in die Unterwelt herabsteigender Orpheus, der diesmal von einer kleinen, schäbigen und auch moralisch höchst verwahrlosten Südstaatenstadt gebildet wird. Orpheus ist ein wandernder junger Gitarresänger, „mit dem Banjo auf seinem Knie“, ganz wie im berühmten „O-Susanna“-Lied. Seine Eurydike aber ist des wahren „Nachtasyl“-Städtchens Drugstore-Inhaberin, unbeliebt, verleumdet, von einer unglücklichen Ehe zu sinnlosen Selbstanklagen getrieben. Williams sammelt eine richtige Höllenflucht makabrer Gestalten an, wutschnaubende Trunkenbolde und lallende Nymphomaninnen, baut inmitten dieses Infernos aber eine zarte und fast sanfte Liebeshandlung auf. Verläßlich pessimistisch, wie immer, beendet er diese durch Eifersuchtsmord, den der alte, halbirre Ehemann an der Drugstore-Eurydike begeht, und des Banjo-Orpheus Lynchung durch den Sheriff und seine trunkenen Helfer.

Gleichwohl ist dies eines der mildesten Stücke des großen Realisten und Menschenverächters. Denn es verläuft in einem – trotz seines häufigen unwirschen „slang“ – philosophisch klugen und auch mitleidsvollen Dialog, ist von duldsamer Objektivität in der Gestaltenzeichnung und in den gelassen wehmütigen Liebesszenen von poetischer, intensiver Knappheit. Doch hat es weder einen moralischen noch einen dramaturgisch folgerichtigen Sinn. Es wirkt vielmehr wie eine bitter unwillige Improvisation, wie ein Schreckenstraumbild, das jähe Gewitterblitze einer mitunter durchaus willkürlichen Tragik durchzucken.

Williams – und das ist die Pikanterie dieses Premierenereignisses – hat hier eines seiner Anfangsstücke, „The Battle of the Angels“, neu geschrieben und sehr verdichtet. Die Urfassung fiel vor 17 Jahren in Boston, also noch bevor es nach New York kam, mächtig durch. Seither aber hat man sich an des Dichters Figuren- und Visionenschärfe gewöhnt. Die Vagabundenpoesie dieser „Orpheus“-Paraphrase verhindert, daß man sie – die Gefahr liegt nahe – als eine unfreiwillige Parodie empfindet. Sie hat einen romantischen Unterton, soweit dies bei Williams möglich ist, etwa wie Blumenschimmer in einem Schmutzhaufen, und das ist des gewaltsamen Haßtraumspiels eigentlicher Reiz.

Im Martin-Beck-Theater hat ein großer Spielleiter, Harold Clurman, der stürmischen Szenenfolge Tempo und Profil gegeben, und die bewährte Williams-Spielerin Maureen Stapleton ragt durch ihre herbe Verstörtheit und innige Ungelenkheit hervor.

John Patrick, der Autor des „Kleinen Teehauses“, mußte seine neue Komödie: Good as Gold („So gut wie Gold“) nach drei Tagen Spieldauer abgesetzt sehen, nachdem diese von den Kritikern mit nicht ganz respektlosem, aber dennoch kräftigem Hohn versehen worden war. Sie verdient aber dennoch Beachtung, ihres grotesken Einfalles und ihres satirischen Mutes wegen. Patrick erfand hier – oder übernahm und verlebendigte vielmehr die Gestalt aus einem Utopie-Roman von Adrew Toombs – einen jungen Erfinder, der Gold in Dünger verwandelt und mit diesem Riesengemüse wachsen machen kann, Karotten in Walfischgröße und Kohl von ebenso gigantischem Umfang. Er eilt nach Washington, der Welt diesen Schutz vor jeglicher Hungergefahr anzubieten, gerät aber doit in das Gehege der Politiker, die sich eigensüchtig, ja sogar kriegshetzerisch und valutabesorgt auf dieses Wunder stürzen.

Die Anspielung auf den „atomischen Komplex“ ist klar und das Karikaturbild der zänkerischen, horizontengen und phrasengeschwellten Senatoren vernichtend. Patrick war so sehr mit dieser bissigen Tendenz befaßt, daß er offenbar vergaß, darum herum ein richtiges, handlungsstraffes Stück aufzubauen und sich mit einem sehr belustigenden Zerrbildstreifen begnügte. Dies schwächte, die Theaterwirkung – im altehrwürdigen Belasco-Theater –, vermehrte aber den unabweisbaren Eindruck, daß hier eher eine „politische Peinlichkeit“ das einmalige Schicksal dieses Husarenstreiches eines „Weltautors“ beschleunigte. Die abrupten, eckig drolligen, selbstparodistischen Szenen hatten das Publikum, soweit es erschienen war, in tolles Gelächter versetzt. Ludwig Ullmann