Sobald die Kultur den Diplomaten unter die Finger kommt, gewinnt sie sozusagen juristische Fasson. Da werden Kulturverhandlungen geführt, fein säuberlich in Paragraphen unterteilte Kulturabkommen entworfen, und kulturelle Austausch- und Anregungsverfahren aktenkundig besiegelt. Daß nun jedoch Fasson, wie man vielleicht denken könnte, nicht immer mit Klarheit identisch sein muß, bekundet etwa der Artikel 7 des im Oktober 1954 in Paris von Adenauerund Mendès-France unterzeichneten und im Juli 1955 durch den Ratifikationsaustausch in Kraft getretenen deutschfranzösischen Kulturabkommens. Dort steht zu lesen: „Die Hohen vertragschließenden Teile tragen, soweit irgend möglich, Sorge dafür, daß an allen Universitäten und höheren Lehranstalten ihres Gebietes Unterricht in der Sprache und Literatur des anderen Teiles veranstaltet, und daß den Schülern diese Sprache als erste oder zweite obligatorische lebende Sprache zur Wahl gestellt wird.“

Diesem Übereinkommen, das der Bund eingegangen ist und das in schöner Unverbindlichkeit eine Regelung festlegt, die, jedenfalls in Deutschland, höchst selten ist, daß nämlich die Schüler selbst ihre erste lebende Fremdsprache frei wählen können, diesem Obereinkommen also steht ein Beschluß der Ständigen Kultusministerkonferenz, das sogenannte

Düsseldorfer Abkommen, entgegen, nach dem Englisch für alle höheren Schulen als erste Fremdsprache festgelegt und Französisch auf den zweiten Platz verwiesen wird.

Daß der Wunsch vieler französischer Kulturpolitiker, ihre Sprache an den deutschen Schulen wieder als erste Fremdsprache eingeführt zu sehen, unerfüllt bleiben muß, hat ein so kluger und wohl auch realistischer Mann wie der ehemalige Botschafter François-Poncet, der in der vorigen Woche in Bad Godesberg gemeinsam mit dem Heidelberger Professor Hess der ersten Beratung des deutschfranzösischen Kulturausschusses präsidierte, sicher längst eingesehen. So bemühte er sich auch nur darum, den Status quo zu erhalten, das heißt zu erreichen, daß – entgegen dem Düsseldorfer Abkommen – in Rheinland-Pfalz und Württemberg Französisch auch weiterhin als erste Fremdsprache gelehrt wird. Er habe, sagte er, keineswegs den Ehrgeiz, der französischen Sprache den ersten Platz zu erobern, sondern möchte lediglich der Gefahr vorbeugen, daß sie allzusehr ins Hintertreffen gerate.

Ein erstaunlicher Satz, wenn man bedenkt, daß vor dem ersten Weltkrieg, ja, bis zum Hitlerregime, Französisch die unangefochten erste moderneFremdsprache an den deutschen Gymnasien und Realschulen war. Im Englischen sahen viele Leute damals lediglich die Sprache jener Krämer, in deren Reihen sich ein Shakespeare verirrt hatte; warum man sich dann, wenn überhaupt, auch lieber mit dem Englisch dieses Dichters als mit der Umgangssprache beschäftigte. Sicher sind es nicht allein Nützlichkeitsgründe, die das Englische inzwischen so stark nach vorn rückten. Man hat nämlich mittlerweile entdeckt, daß die Sprache der Krämer zu modernem literarischem Ausdruck doch nicht ganz so ungeeignet ist, wie es noch vor einem halben Jahrhundert manch deutscher Gymnasiallehrer wahrhaben wollte.

Auch Sprachen haben ihr Alter, ihre Blütezeiten und Niedergänge. Daß das Französische seinen

Rang als Weltsprache und auch seine Bedeutung als beherrschende Kultursprache mehr und mehr verloren hat, wird bedauern, wer den unvergleichlichen Wohlklang dieses Idioms liebt, muß jedoch konstatieren, wer die Entwicklung nüchternen Blickes verfolgt – die zwangsläufige Entwicklung, an der auch Artikel 7 eines (sonst gewiß gedeihlichen) Kulturabkommens leider keinen Deu: ändern kann. h. g.