Zweitausend große und kleine Seelen, in denen der Friede wohnt

Von Marion Gräfin Dönhoff

Die großen Tempel im Süden Indiens kannte ich schon, diesmal lernte ich nun auch im Norden des Landes die heiligen Stätten am Ganges kennen. Ich war nach Kalkutta gekommen, der drittgrößten Stadt der Welt, und nach Jamshedpur gereist, um das große Stahlwerk zu sehen. Ich hatte die Sonne über dem Mount Everest aufgehen sehen und den Mond über der Tadsch Mahal. Ich hatte in Indien die größten Universitätskomplexe durchwandert, die ich je irgendwo sah, und den höchsten Damm der Welt bestaunt, den Bhakra Nangal, und immer wieder neue Fabriken, Laboratorien, Institute, Krankenhäuser gesehen. Nur eins hatte ich nie wirklich kennengelernt: die indischen Dörfer, in denen schließlich 80 v. H. aller Inder leben. Auf langen Bahnfahrten hatte ich die großen und kleinen Lehmdörfer an mir vorüberziehen sehen. Längst wußte ich, daß der Inbegriff des Lebens im Osten das Dorf ist, während die Stadt mit allem, was dieser Begriff einschließt, das Wesen des Abendlandes verkörpert. Darum ging ich für vier Tage in ein Dorf.

Patauda ist irgendein Dorf in Indien. Niemand hatte es vorgeschlagen, denn niemand kannte es. Aber es gab in der Nähe des Dorfes ein Dak Bungalow, eine Art Rasthaus, wie es deren überall im Land gibt. Die Engländer haben sie gebaut für die Regierungsbeamten, wenn sie auf Inspektionsreise durchs Land zogen. Das Vorhandensein dieser Unterkunft erleichterte mein Vorhaben. Freunde liehen mir ihren Koch und ein Auto und die deutsche Botschaft tat das Wichtigste: sie ließ ihren bewährten Indologen mitfahren, einen Gelehrten, der fließend Hindi spricht und schon so lange im Lande lebt, daß er selbst fast zu einem Inder geworden ist, weshalb er von seinen Kollegen im Amt kurzerhand Schri genannt wird, was soviel wie Mister oder Herr bedeutet.

Es gibt in Indien unendlich viele Dörfer, etwa 600 000 an der Zahl, die von Landschaft zu Land zwar sehr verschieden sind, aber einige Züge gemeinsam haben: Nirgends gepflasterte oder befestigte Straßen ... Lehmhütten mit Gras- oder Strohdach (gemauerte Häuser findet man nur in reichen Dörfern). Nirgends sanitäre Anlagen, nirgends Elektrizität.

Patauda ist ein großes Dorf, das 2000 Einwohner hat. Es sind zum Teil reiche Bauern, denn der Boden ist gut. Fast jeder Bauer hat einen eigenen Brunnen – wohl 200 Ziehbrunnen sah ich auf den Feldern. Im Dorf lebt und heiratet jede Kaste für sich. Nur die Schule wird ohne Unterschied der Kasten gemeinsam besucht. Zu welcher Kaste sein Landsmann gehört, das wußte fast jeder Inder auf den ersten Blick zu erkennen. Mir blieb dies unerklärlich und geheimnisvoll. Für mich sahen alle diese barfüßigen, weißverhüllten Gestalten gleich bedeutsam aus. Sie erschienen mir alle gleichermaßen liebenswert. Es dauerte nicht lange, bis wir die ersten Freunde im Dorfe hatten, und dann ging es wie beim Schneeballsystem. Am ersten Tag erregten wir einige Verwunderung und freundliches Befremden. Vor allem Sofern zünftige Begrüßung und wortreiche Kommentare in Hindi riefen entzücktes Staunen hervor. Diese außergewöhnlichen Fähigkeiten sprachen sich bald wie ein Lauffeuer herum. Am nächsten Tag verwickelte uns ein alter, gescheit aussehender Mann mitStalinbart, der auf der Schwelle seines Hauses stand und zum Panschajat, dem Rat der Dorfältesten gehörte, in eine Unterhaltung. Er ließ zwei Korbstühle holen und an die Mauer gegenüber seinem Haus in den Sand stellen. Da thronten wir nun und sprachen mit dem immer dichter werdenden Kreis von Dörflern über die Zeiten, über die Ernte, über Deutschland... Der Sohn des Hauses holte zwei Gläser mit lauwarmer, schrecklich süßer Büffelmilch herbei und brachte uns kleine, vielfarbige Kuchen und Teigwaren, die in Fett gebraten waren. Ich war verzweifelt über die Büffelmilch und gedachte mich ihrer zu entledigen, indem ich das Glas gleich einer Friedenspfeife kreisen lassen wollte, aber Schri, der im letzten Moment diesen Plan erriet, fuhr mich erschrocken an und machte mir klar, daß niemand etwas essen oder trinken könne, was ein anderer schon berührt habe.

Nach den alten Kastenvorstellungen darf kein Inder etwas genießen, was der Angehörige einer Kaste, die niedriger ist als die eigene, gekocht hat. Das Essen ist überhaupt nicht wie bei uns eine allgemeine gesellschaftliche Veranstaltung. Jedenfalls hörte ich einmal von einem anderen Bewohner des Dorfes, der uns zum Abendessen eingeladenhatte – wobei wir mit zweien seiner Freunde am Tisch saßen, während er als Hausherr uns bediente, und viele schweigende Männer herumstanden und zusahen –, daß er nur in Gegenwart der allerengsten Familie essen dürfe; anders schicke es sich nicht. Wir hatten ihn am Nachmittag am Brunnen kennengelernt, wohin uns eine laute, eintönige Stimme gelockt hatte, die in rhythmischen Intervallen immer die gleichen Sätze gellend in die stille, blaue Luft stieß. Ochsen zogen dort ein Seil, das über ein Rad lief, bergab. An seinem Ende war ein großer Sack aus Rinderhaut befestigt, der etwa 40 Liter Wasser aus der Tiefe des Brunnens ans Tageslicht beförderte und den dann der Sänger mit einer eleganten Fußbewegung umstieß, so daß sich das Wasser in das Kanalsystem ergoß.