Der Weg ist hier, er ist nicht dort“, rufen die Darsteller des Stückes La Cantatrice Chauve von Eugène Ionesco ins Publikum, während sich der Vorhang hebt; das Stück, das dem französisch schreibenden Rumänen 1950 einen überraschenden Erfolg brachte, wird gegenwärtig in dem kleinen Pariser Théâtre de la Huchette, zusammen mit dem Einakter La Leçom wiederaufgeführt.

Im dem Stück „La Cantatrice Chauve“ sitzt ein Ehepaar nach dem Essen beisammen. Die Kartoffeln waren wieder halb roh, ich persönlich ziehe durchgekochte Kartoffeln vor“, sagt uns Mrs. Smith, Mr. Smith ist hinter den Seiten der Times verborgen. Eine langeWeile englischen Schweigens. Eine Wanduhr schlägt siebzehn lange englische Stunden. Ein anderes englisches Ehepaar kommt zu Besuch. Die Konversation, die langsam in Fluß kommt, ist so banal, daß sie außerordentlich komisch wirkt. Das Stubenmädchen spricht, wie im Kabarett, erklärende Worte ins Parkett.

Arthur Schnitzler hat diese direkte Art der Verständigung abgelehnt: „Dem Humoristen wird es auch in seinem aufgeräumtesten Moment niemals einfallen, sich mit seinem Publikum zu encanaillieren. Nur der Witzbold tut es... wodurch er die mediocre geistige Atmosphäre schafft, in der allein er zu wirken vermag.“

Diese „mediocre geistige Atmosphäre“ ist . der Aktionsraum, in dem sich das Theater Ionescos bewegt. Bevor er für das Theater zu schreiben begann, haßte er die Überhöhung der Realität, aus der das herkömmliche Bühnengeschehen lebt: nun schafft er selbst Theaterstücke, die ihre Wirkung aus der Übersteigerung der Realität beziehen. Die Charaktere der „Kahlköpfigen Sängerin“ wirken durch die Überbetonung ihrer angelsächsischen Typik grotesk. Jedenfalls ist im Sinne des fließenden Lebens alles grotesk, das sich in einem Typus festlegt – es muß „verändert“, das Starre muß zunächst einmal durch Komik aufgelockert werden. Das Lächerliche als Mittel zur Mutation: Ionesco nimmt seinen Gestalten den feierlichen Daseinsernst und zieht ihnen gleichsam den Boden unter den Füßen weg; aber – sie schweben.

  • In dem zweiten Stück „Die Lektion“ hört man zu Beginn nur Klingeln und Klopfen. Eine Schülerin kommt zu einem Nachhilfelehrer, der ihr mit äußerster Anstrengung etwas Wissen einpaukt. Während der Stunde bekommt die Schülerin Zahnschmerzen und entzieht sich dadurch der hypnotischen Autorität des Lehrers. Der Lehrer – in seiner Beherrschungssucht gestört – gerät in Wut und tötet die Schülerin. Seine Haushälterin hilft ihm das Opfer wegzutragen. „Wenn Sie so weitermachen“, sagt sie zu ihm, „so werden Sie bald keine Schüler mehr haben.“ Während der Vorhang fällt, hört man wieder Klopfen und Klingeln.

Das wäre makabrer Humor, wäre bei Ionesco nicht alles Geschehen sinnentleert. Sein Kunstgriff, das Alltägliche unerwartet ins Absurde überzuführen, ist immer noch aktuell, denn scheinbar ist das Herkömmliche immer noch nicht gänzlich abgebaut. Und dabei geht diese Abbauarbeit schon geraume Zeit vor sich. In der Welt des Theaters war es nach dem ersten Weltkrieg Pirandello, der in seinen Problemstücken den Menschen selbst in Frage stellte, und nach dem zweiten Weltkrieg sind es Samuel Beckett und Ionesco. Aber Ionesco lädt uns ein, über alles Routinehafte, Schablonenmäßige unseres Lebens zu lachen. Wenn Ionescos Humor auch oft knirscht, er zeigt doch einen Ausweg, der ins Freie führt. G. v. S.