Dd, Rastatt

Seit Jahren bemühe ich mich, Zeitungen und Illustrierte für unsere Stadt mit ihren großartigen Barockbauten zu interessieren; mit einer einzigen Ausnahme ohne Erfolg. Aber jetzt, wo es einmal einen Wirbel gibt, aus dem sich eine Sensation machen läßt, da steht das landauf und landab in den Zeitungen.“ – Bürgermeister Ertel, der Stellvertreter des Rastatter Oberbürgermeisters Dr. Kunze, ist Kummer mit der Presse gewohnt, seit Chefarzt Dr. Heinrich Schüler vom Städtischen Krankenhaus gekündigt wurde. DIE ZEIT fehlt gerade noch in seiner Sammlung. Aber er läßt sich geduldig ausfragen ...

Es ist nicht nötig, die „Akte Dr. Schüler“ holen zu lassen. Bürgermeister Ertel zieht den Stadtratsbeschluß, nach dem ich frage, einfach aus der Jackettasche: „Wir bestehen hier sowieso nur noch aus Dr. Schüler.“

In der Tat: die ganze Stadtverwaltung, ja, die ganze Stadt und darüber hinaus, der halbe Landkreis mit dem blühenden Murgtal, der Pforte zum Schwarzwald, die Leute aus Bietigheim, Ötigheim, Iffezheim und Muggensturm – sie alle brauchen sich kaum noch über das Wetter zu unterhalten; die Rastatter Stadtväter haben für ein erregenderes Gesprächsthema gesorgt, als sie wenige Tage vor Weihnachten 1956 dem Dr. Schüler kündigten.

Bis dahin hatte der heute 45jährige Chirurg 16 Jahre lang an der Seite seines Chefs Dr.Bally und nach dessen Pensionierung fast zwei Jahre lang als „Chefarzt auf Probe“ die entzündeten Rastatter Blinddärme herausgeschnitten und an turbulenten Abenden nach den Iffezheimer Rennen die Verkehrsopfer der überfüllten Bundesstraße 3 zusammengeflickt. Die Patienten berichteten Wunderdinge, und der alte Dr.Bally sagte: „Ich könnte mir keinen besseren Nachfolger vorstellen.“

Aber der Stadtrat war anderer Meinung. Die Stadtväter planten einen Krankenhausneubau und hielten Ausschau nach einer medizinischen Koryphäe, nach einem Chefarzt mit solchen Erfahrungen, wie sie sich nur in einem modern eingerichteten großstädtischen Krankenhaus oder einer Universitätsklinik sammeln lassen.

Am 22. Januar entstand aus einer öffentlichen Kundgebung für den Chefarzt die „Interessengemeinschaft Dr. Schüler“. Sie ließ alsbald Stimmzettel zu einer Bürgerbefragung drucken und als Postwurfsendung an alle Haushaltungen schicken. 9486 von 13 000 wahlberechtigten Einwohnern der badischen Kreisstadt, das sind 72 Prozent, sprachen sich gegen eine Umbesetzung der Chefarztstelle aus. Bei den letzten Kommunalwahlen waren nur 65 Prozent zur Urne gegangen.