Festspiele sind eine Begleiterscheinung der sommerlichen Reiselust geworden. Wer diese „Talsache“ bedauert, weil der Tourismus manchen echten, das heißt programmatischen, Festspielen das Profil verwischt, der kann sich an anderen Plätzei trösten mit einem außerordentlichen Wiedergabeniveau. Auch das ist „Festspiel“ im Sinne von etwas Außerordentlichem. Dem Abrutschen in die Besucherwerbung, um jeden Preis stellt sich die „Europäische Vereinigung der Musikfestspiele“ entgegen. Als Dachorganisation umfaßt sie augenblicklich 19 Festspielorte. Ihr technisches Ziel ist die zeitlich; Koordination. Als Teil des „Europäischen Kulturzentrums“ verlangt die Vereinigung von ihren Mitgliedern künstlerische Eigenart und internationales Ansehen – also Niveau. Wer in seine Sommerreise den Besuch von Musikfestspielen einbauen will, der wird von den informativen Broschüren der Europäischen Vereinigung, deren erste für 1957 jetzt erschienen ist, sachlich einwandfrei beraten (Genf, 122 Rue de Lausanne). Zwei der berühmtesten Festspielorte fehlen allerdings: Salzburg und Edinburg. Sie lehnen dies? europäische Koordination ab. Mit horrenden Gagenangeboten schüren beide den Kampf um den Star. (Salzburg, 25. Juli bis 31. August, bringt diesmal u. a. die Uraufführung einer Liebermann-Oper und die deutsche Premiere eines O’Neill-Schauspiels In Edinburg, 12. August bis 2. September, wird Hans Lietzau, Berlin, den „Besseren Herrn“ von Hasenclever mit Adolf Wohlbrück inszenieren und im übrigen französische Kunst im Mittelpunkt vor. 166 Veranstaltungen stehen.)

Der europäische Festspielsommer beginnt im Mai. Vom 4. Mai bis 30. Juni feiert Florenz seiner. 20. Maggio Musicale. Das Programm umfaßt einen deutschsprachigen „Tristan“, eine neue Oper des 75jährigen G. F. Malipiero sowie in den Boboli-Gärter Monteverdis „Orpheus“. Zu gleicher Zeit beginnt Wiesbaden seine „Internationalen Maifestspiele“, Die lockendsten Gastspiele bieten die Staatsoper aus Belgrad und eine italienische Operngesellschaft. Für Westdeutsche interessant sind zwei Aufführungen des „Schlauen Füchsleins“ von Janacek durch Walter Felsensteins Ostberliner Komische Oper. Vom 20. Mai bis 2. Juni spielt Bordeaux: in eigener Einstudierung die Oper „Armide“ von Lully, daneben Konzerte des Cleveland-Orchesters unter George Szell und das Große Ballett des Marquis de Cuevas. Die Wiener Festwochen geben vom 1. bis 23. Juni einen repräsentativen Durchblick in das Repertoire der österreichsichen Staatstheater. Wien stellt sich auch mit einem umfangreichen Konzertprogramm als Musikmetropole dar. Weniger bekannt ist (vom 8. bis 17. Juni) das „Sibelius-Festival“ in Helsinki. Dennoch gehört es, rund um den 92jährigen Jean Sibelius und seine Werke, zu den sinnvollsten Einrichtungen des Festspielsommers. – Internationale Juni-Festwochen heißt der Beitrag der Stadt Zürich. Im Mittelpunkt steht diesmal betont die neue Musik auf dem Züricher Programm. Im Rahmen des 31. Weltmusikfestes der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (31. Mai bis 6. Juni) wird die erste szenische Aufführung von Arnold Schönbergs nachgelassener Oper „Moses und Aron“ stattfinden. Hans Rosbaud wird sie dirigieren.

Noch im Juni veranstalten Festspiele Straßburg (14. bis 25.), wo alte Opern mit Konzerten abwechseln, und Granada (24. Juni bis 4. Juli), wo dreimal die Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan und dem spanischen Dirigenten Ataulfo Argenta konzertieren werden. Geschickte Propaganda hat das Holland-Festival bereits zu einem europäischen Begriff gemacht (15. Juni bis 15. Juli). Konzentriert auf Amsterdam, Den Haag und Scheveningen, ausstrahlend durch Wiederholungen auf eine ganze Reihe holländischer Städte, werden von der Niederländischen Oper Strawinskijs „The Rake’s Progress“, „Don Pasquale“ von Donizetti und Verdis „Othello“ jeweils in der Originalsprache aufgeführt. Das Amsterdamer Concertgebouw-Orchester hat (unter van Beinum und Rafael Kubelik) Außerordentliches zu bieten.

Ende Juli beginnen die Bayreuther Festspiele, die diesmal mit einer Neuinszenierung von „Tristan und Isolde“ durch Wolf gang Wagner eröffnet werden. Vorher rufen Dubrovnik und Aix-en-Pro-Provence. Dubrovnik rangiert zum ersten Male in der „Europäischen Vereinigung der Musikfestspiele“. Es stützt sich vor allem auf die stimmenreichen Staatsopern von Belgrad.und Zagreb. Jugoslawien-Reisende werden es als besonderen Reiz empfinden, Opern von Massenet, Borodin, Mussorgskij, Verdi und Brittens „Raub der Lukrezia“ als Freilichtaufführung, zum Teil vor historischer Architektur, zu sehen, – In Kennerkreisen ist das Festival von Aix-en-Provence, das 1957 sein zehnjähriges Bestehen feiert, ein Rangbegriff. Zwei Pariser Orchester werden von Mozart „Figaro“ und „Cosi“, dirigiert von Hans Rosbaud, und Bizets „Carmen“, dirigiert von Pierre Dervaux, darbieten. Großen Ruf genießen wegen ihrer Programme und stilreinen Ausführung die Festkonzerte.

Im August lockt als Hauptort München (11. August bis 10. September). Seine Opernfestspiele erfreuen sich angesichts der Bedeutung der Bayerischen Staatsoper steigenden Zuspruchs nicht nur aus dem Auslande. Auch deutsche Reisende, die südwärts fahren, legen ein paar Operntage in München ein. Ein wichtiges Ereignis ist. die Eröffnungspremiere: die Uraufführung von Paul Hindemiths Oper „Die Harmonie der Welt“ (am 11. und 16. August, 7. September). – Spanien-Reisende können zwischen dem 2. August und dem 2. September Ansermets Orchestre de la Suisse Romande in Santander hören. Luzern lockt Besucher der Schweiz (vom 17. August bis 7. September) mit acht Orchesterkonzerten, die – zum Teil von den Wiener Philharmonikern bestritten – Dirigenten von Weltrang unterstehen: Karajan, Beecham, Ansermet, Mitropoulos, dazu Cluytens, Keilberth, Kubelik, Giulini.

Der europäische Musiksommer reicht bis in den beginnenden Herbst. Vom 22. September bis 8. Oktober künden die „Berliner Festwochen von dem Anspruch der deutschen Hauptstadt, auch Weltstadt der Musik, des Theaters, der bildenden Kunst zu sein. Vorher werden die Frankreich-Reisenden in Besançon (vom 5. bis 15. September) aufgehalten. In besonderen Veranstaltungen wird der internationalen Dirigentenjugend, die 1956 mit 40 Bewerbern aus 15 Ländern antrat, eine von Preisrichtern bewachte Plattform geboten. – Zum Schluß nach Italien: In Venedig findet vom 11. bis 25. September zum 20. Male das einzige Fest statt, das ausschließlich der zeitgenössischen Musik gewidmet ist (!). Die Eigenart der umbrischen Stadt Perugia ist die geistliche Musik. Oratorien von Händel und Caldara, auch einem Requiem von Dvorak, steht in der XII. Sagra Musicale Umbra (21. September bis 2, Oktober) betont die Gegenwart gegenüber mit Werken von Frank Martin, Kodaly und dem jungen Italiener Bucchi. J. J.