Wir drucken hier Auszüge aus einem Aufsatz, den die Schweizer Monatshefte bringen. Uns erscheint interessant, was ein französischer General in einer Schweizer Zeitschrift zu der Ernennung General Speidels zu sagen hat. Der Verfasser, General Béthouart, war nach dem Kriege zeitweise Hochkommissar in Östererich.

Die Ernennung General Speidels als Oberbefehlshaber der Landstreitkräfte Europa-Mitte hat in Frankreich einige, übrigens ziemlich verspätete Reaktionen ausgelöst. Sie gingen von den Kommunisten aus, was normal war und nicht weiter überraschen konnte, aber auch von einzelnen nationalistischen Elementen oder solchen der Résistance. Die große Masse der Bevölkerung hat diese Ernennung ohne Vergnügen und als eine Notwendigkeit genehmigt. Die ehemaligen Frontkämpfer haben der Versuchung zu Agitationen widerstanden, und in der Armee gibt es keinerlei Erregung.

Bei der Debatte im Senat vom 19. Februar wurde die von den Gegnern der Ernennung vorgeschlagene Tagesordnung mit 160 gegen 50 Stimmen zurückgewiesen. Es ist bemerkenswert, daß während der Debatte alle Redner eine deutschfranzösische Versöhnung befürworteten und die Kritik vor allem die Tatsache hervorhob, daß General Speidel während des Krieges Chef des Generalstabes der deutschen Besatzungskräfte in Frankreich gewesen war; als solcher, sowie in Anbetracht der Geiselhinrichtungen, wurde er als besonders unerwünscht bezeichnet.

Diese Geiselhinrichtungen waren grauenhaft und werden noch lange die deutsch-französischen Beziehungen belasten; doch nichts erlaubt, die Schuld Speidel zuzuschieben, der dem Oberkommandierenden, als allein verantwortlich, unterstellt war. Wir besitzen anderseits Beweise seiner Bemühungen, die Unterdrückung zu beschränken und sich gewissen Hinrichtungen zu widersetzen, deren eine zum mindesten die öffentliche Meinung besonders erregt hat. Man hat auch auf einen Bericht zu Händen des amerikanischen Geheimdienstes hingewiesen, in welchem General Speidel ein abfälliges Urteil über die französische Armee ausgesprochen habe; aber diese Nachricht wurde kategorisch dementiert.

In Tat und Wahrheit stammen diese Anschuldigungen, abgesehen von den Kommunisten, die ihrer Rolle treu bleiben, hauptsächlich aus den Kreisen der alten Gegner der deutschen Aufrüstung. Auf diese Wiederaufrüstung zielt denn auch die gegenwärtige Kampagne hin, weit mehr als auf die Person Speidels ...

Wahrscheinlich werden die Mauern unserer Städte, insbesondere der Pariser Vorstädte, mit Hetzparolen bedeckt. Wir wissen, daß diese Kampagne über bedeutende finanzielle Mittel verfügt. Man wird versuchen, nichtkommunistische Elemente, vor allem die progressistischen Mitglieder der Résistance und der Frontkämpferverbände, zu beeinflussen und mitzureißen. Doch hat heute Frankreich im ganzen die Ernennung General Speidels genehmigt. Das ist von großer Wichtigkeit.

Die Gegenwart General Speidels auf einer der höchsten Stufen des Kommandos integriert nun die deutsche Armee vollständig in die europäische Verteidigung und damit die Bundesrepublik in die freie Welt. Und zwar in so hohem Maße, daß sich eine militärische Verteidigung Europas erst am Rhein nicht mehr denken läßt, wie man dies vor der Zugehörigkeit Deutschlands zur NATO noch anzunehmen versucht war. Von nun an muß sich die Verteidigung auf das ganze westdeutsche Gebiet erstrecken und an der Zonengrenze beginnen. Das war vermutlich vor der deutschen Wiederaufrüstung nicht möglich, aber diese Disposition ist von unzweifelhaftem Vorteil für alle Alliierten.