Europäische Wünsche und Enttäuschungen – Gespräche mit britischen Auswanderern

Von Michael Davie

Sidney, im März

Genau zehn Jahre ist. es jetzt her, seit die ersten verwirrten englischen Nachkriegs-Emigranten ihren Fuß auf australischen Boden setzten. Seitdem hat Australien weit über eine Million Menschen aufgenommen. Auf je zehn Einwanderer kamen durchschnittlich vier Engländer, so daß Großbritannien weit voran in der australischen Einwanderungsstatistik steht. Allein während der letzten zwei Jahre haben sich mehr als 100 000 Engländer in Australien niedergelassen.

Seit der Suez-Krise hat sich die Zahl der Engländer, die im Australia House in London vorsprechen, um ihre Einwanderungspapiere zu beantragen, auf 3000 in der Woche erhöht. Wie in Australien durchsickerte, hat die englische Regierung insgeheim einen Vorstoß in Canberra unternommen und die australische Regierung gebeten, in diesem für England so kritischen Augenblick die Werbetrommel für ihr Land nicht gar zu laut zu rühren.

Angesichts der neuen Emigrationswelle beauftragte der britische Rundfunk, die BBC, kürzlich seine australischen Korrespondenten, sich einen Überblick über die Gründe zu verschaffen, deretwegen Engländer ihre Heimat verlassen und am anderen Ende der Welt ein neues Leben begonnen haben. Mit erstaunlicher Gleißmäßigkeit ergab sich dabei diese Reihenfolge der Begründungen: erstens das Klima; zweitens die besseren Chancen für die Kinder und drittens die Wohnungsknappheit in England.

Wie finden sich diese Scharen hoffnungsvoller Einwanderer nun in ihrer neuen Heimat zurecht? Etliche finden sich überhaupt nicht zurecht und kehren bald wieder nach England zurück. Doch gibt es unter ihnen wiederum einige, die sich nun auch in der alten Heimat nicht mehr zurechtfinden und daher zum zweitenmal nach Australien auswandern. In England kann man leicht den Eindruck gewinnen, als ob sich viele frischgebackene Australier nur allzubald in alte Engländer zurückverwandelten. Doch kehrt tatsächlich nur etwa jeder 17. Auswanderer zurück. Das ist allerdings immer noch viel im Vergleich zu den kontinental-europäischen Emigranten, von denen es nur jeder 50. in der neuen Heimat nicht aushält.