g. z., Karlsruhe, im März

Der zweite Weltkrieg „findet noch einmal statt“. Nicht auf dem Schlachtfeld, aber im dritten Stockwerk eines Kasernengebäudes am Karlsruher Stadtrand. Hier wird für ein Dutzend Amerikaner und ehemalige deutsche Offiziere der zweite Weltkrieg noch lange dauern. Bei ihnen marschieren noch die Invasionsarmeen. Es werden Jahre vergehen, ehe bei der Historical Division die Kapitulationsurkunde unterschrieben wird. In Karlsruhe hat sich die Historische Abteilung des Hauptquartiers der Vereinigten Staaten in Europa niedergelassen, um hier die Geschichte des Krieges von 1939 bis 1945 zu schreiben.

Aus einer Unmasse von Dokumenten, Protokollen, Berichten und Tagebüchern rekonstruiert sie jede Kampfphase: Ein Weltkrieg auf dem Seziertisch! Alles geschieht mit pedantischer Gründlichkeit. Ehe ein Dokument in das Mosaik „zweiter Weltkrieg“ eingefügt wird, wird es sorgfältig geprüft, ob es nun Divisionstagebücher oder Eompaniebefehle sind.

„Wir haben als Historiker die einmalige Chance, bei der ungeschminkten Darstellung eines Krieges auf Quellenmaterial beider Seiten zurückgreifen zu können“, wird im „Hauptquartier der Kriegsgeschichte“ erklärt. Das Geschichtswerk der Historical Division werde erstmalig eine umfassende Schau geschichtlichen Ablaufs sein, bei dem Urkundenmaterial von „Freund und Feind“ unvoreingenommen verwendet wird.

„Die Möglichkeit dazu ergab sich, weil seinerzeit sämtliche führenden deutschen Militärs in Kriegsgefangenenlagern waren und dort befragt werden konnten. Obwohl niemand gedrängt wurde, hat kaum jemand seine Mitarbeit an der Geschichtsschreibung des zweiten Weltkrieges versagt“, sagen die US-Historiker in Karlsruhes Erzbergerstraße. Selbst Göring habe zu den Mitarbeitern gehört, als er im Nürnberger Gefängnis saß.

Während die erste Aufgabe der Historical Division darin bestand, eine objektive Darstellung des Zusammenpralls amerikanischer und deutscher Streitkräfte zu geben, wurde später auch die Ostfront in die Forschung einbezogen. Hier sind die Arbeiten allerdings auf Schwierigkeiten gestoßen, weil Material der Ex-Verbündeten im Osten kaum zur Verfügung steht. Sehr viel einfacher für die Geschichtsschreiber ist die Bearbeitung des japanischen Kriegsschauplatzes, weil dort – ähnlich wie in Deutschland – die früheren Gegner mitgeholfen haben, ein richtiges Bild der Ereignisse zu geben.

Für einen Band Kriegsgeschichte (90 Bände sind geplant) wird mit rund drei Jahren Forschung und Sichtung des Quellenmaterials gerechnet. Die Niederschrift eines Bandes dauert etwa ein Jahr, und ehe das erste Exemplar gedruckt erscheint, wird abermals ein Jahr vergehen. „Wir treiben lediglich Grundlagenforschung und enthalten uns jeder Tendenz“, betonen die Historiker.

Fest steht, daß es sich bei dem in Karlsruhe entstehenden Geschichtswerk über den zweiten Weltkrieg um eine historische Sammlung handelt, die in ihrer Vollständigkeit, Gründlichkeit und Objektivität einmalig ist.